Vulkan

Ätna 2005: Die gescheiterte Eruption im November und Dezember

Beben, Detonationen und Rekord-Schwefelwerte: Ende 2005 stand der Ätna offenbar kurz vor einem Ausbruch - der nie kam.

Zeitraum
November/Dezember 2005
Raum
Ätna, Sizilien
Rubrik
Wetterarchiv

Ende 2005 richteten sich die Blicke vieler Wetter- und Naturbeobachter nach Sizilien. Der Ätna zeigte nach Monaten der Ruhe wieder Lebenszeichen: dumpfe Detonationen aus der Tiefe, Erdbebenserien an den Flanken, rasant steigende Gaswerte. Vieles deutete auf einen bevorstehenden Ausbruch hin.

Doch der blieb aus. Was sich zwischen Oktober und Dezember 2005 am Ätna abspielte, ging später als “failed eruption” in die Fachliteratur ein - eine gescheiterte Eruption, bei der das Magma zwar aufstieg, die Oberfläche aber nie erreichte. Für Beobachter war es eine Zeit des Wartens und Rätselns.

Mittendrin ein Teilnehmer des Wetterzentrale-Forums: Klaus Gagel bestieg am 5. November 2005 die Gipfelregion des Vulkans und teilte seine Eindrücke anschließend als Fotobericht mit der Community. So fand die sizilianische Vulkan-Unruhe ihren Weg in ein deutsches Wetterforum.

Die Ausgangslage: Monate der Stille

Die große Flankeneruption der Jahre 2004/05 war im März 2005 zu Ende gegangen. Danach herrschte am Ätna monatelang nur ruhiges Entgasen an den vier Gipfelkratern: Südostkrater, Bocca Nuova, Voragine und Nordostkrater. Der vulkanische Tremor verharrte auf niedrigem bis mittlerem Niveau.

Ab Mitte Oktober 2005 änderte sich das Bild. Aus der Bocca Nuova drangen tiefsitzende Detonationen, ohne dass Material ausgeworfen wurde. Ende Oktober folgte der nächste Weckruf: Am 30. und 31. Oktober erschütterte eine Serie von rund 50 Erdstößen die Südostflanke bei Tardaria, der stärkste erreichte Magnitude 3,9. Am 4. November bebte es mit Magnitude 3,2 auch an der Südwestflanke.

Chronik der Unruhe

Zwischen Ende November und Anfang Dezember zogen die Messwerte deutlich an. Der Schwefeldioxid-Ausstoß stieg, der Tremor nahm zu, und der Gipfelbereich verformte sich leicht - klassische Anzeichen für Magma, das im Berg aufsteigt. Am 6. Dezember öffnete sich in der Ortschaft Paternò eine heiße Quelle, aus der Kohlendioxid, Methan und Schwefelwasserstoff entwichen. Am 6. und 7. Dezember maßen Forscher des INGV Catania an den Gipfelkratern über 10.000 Tonnen Schwefeldioxid pro Tag.

Der dramatischste Moment folgte Mitte des Monats: Am 16. Dezember registrierte das seismische Netz eine dreieinhalbminütige Explosionsserie am Gipfel, begleitet von SO2-Spitzen beim Zehnfachen des üblichen Hintergrundflusses. Am 22. Dezember entwich schließlich feinkörnige juvenile Asche aus der seit Monaten blockierten Bocca Nuova. Gerade die Feinheit der Asche deutete darauf hin, dass tief im Schlot eine Magmasäule stand.

DatumEreignis
Mitte Oktober 2005Tiefsitzende Detonationen aus der Bocca Nuova, ohne Auswurf
30./31. OktoberErdbebenserie bei Tardaria (Südostflanke), ca. 50 Stöße, bis Magnitude 3,9
4. NovemberBeben Magnitude 3,2 an der Südwestflanke
5. NovemberGipfelbegehung von Klaus Gagel, einzelne Detonationen hörbar
Ende Nov./Anfang Dez.Anstieg von SO2-Ausstoß, Tremor und Deformation des Gipfels
6. DezemberHeiße Quelle in Paternò öffnet sich (CO2, CH4, H2S)
6./7. DezemberÜber 10.000 Tonnen SO2 pro Tag an den Gipfelkratern
16. DezemberExplosionsserie am Gipfel, Dauer ca. 3,5 Minuten
22. DezemberFeinkörnige juvenile Asche aus der Bocca Nuova

Die Eruption, die nie kam

Trotz aller Vorzeichen blieb der große Ausbruch aus. Oliver Beck, der die Lage auf seiner Seite vulkan-etna-update.de fortlaufend auf Basis der INGV-Daten dokumentierte, resümierte zum Jahresende, es sammle sich immer mehr Magma im Berg.

Die Wissenschaft bestätigte diese Einschätzung Jahre später. Falsaperla und Kollegen klassifizierten die Phase von November 2005 bis Januar 2006 in einer Studie von 2013 ausdrücklich als gescheiterte Eruption: Der Tremor war seit August langsam angestiegen und gipfelte Mitte Dezember 2005 - doch statt eines Ausbruchs beruhigte sich der Vulkan wieder. Erst im Juli 2006 meldete sich der Südostkrater mit einer echten Eruption zurück.

Warum ein Vulkan ins Wetterarchiv gehört

Dass Wetterbeobachter auf Vulkane schauen, hat handfeste Gründe. Aschewolken werden mit Wettersatelliten verfolgt und sind für die Luftfahrt kritisch - die VAAC-Zentren geben dazu eigene Warnungen heraus. Große Eruptionen befördern zudem Schwefel-Aerosole bis in die Stratosphäre und kühlen das Klima messbar ab: Nach dem Pinatubo-Ausbruch 1991 sank die globale Temperatur um rund 0,5 Grad. Und Vulkanstaub sorgt für auffällige optische Phänomene am Himmel, von glutroten Dämmerungen bis zum Bishop-Ring. Denselben Mechanismus des Ferntransports von Staub über Hunderte bis Tausende Kilometer beschreibt unser Beitrag zum Saharastaub über Mitteleuropa - dort allerdings mit messbaren Folgen für die Luftqualität am Boden.

Im Wetterzentrale-Forum hatten solche Themen deshalb einen festen Platz: Es gab eine eigene Themen-Kategorie GEOPHYSIK, in der etwa Thomas Sävert regelmäßig über Erdbeben berichtete. Vulkan- und Erdbebenmeldungen gehörten zum Alltag des Forums - genauso wie die Wetterkarten und Modelldiskussionen, für die die Wetterzentrale bekannt war.

Das Ereignis im Wetterzentrale-Forum

Der Thread mit der Kennung read=762862 war der Fotobericht von Klaus Gagel: Bilder und Schilderungen seiner Ätna-Gipfeltour vom 5. November 2005, bei der er auf einer geführten Wanderung die Gipfelkraterregion erreichte und einzelne Detonationen aus der Bocca Nuova hörte. Der Bericht wurde Mitte November 2005 gepostet und wegen seiner Qualität ins Archiv-Board Interessante Beiträge übernommen. Oliver Beck verlinkte ihn in seinem Ätna-Update vom 13. November 2005 als ergänzende Augenzeugen-Dokumentation. Da das Forum heute abgeschaltet ist und der Thread auch in der Wayback Machine nicht erhalten blieb, lässt sich sein Inhalt nur aus solchen Sekundärquellen rekonstruieren - Originalzitate sind nicht überliefert. Weitere rekonstruierte Ereignisse aus der Forumszeit finden Sie in unserem Archiv.