Orkan

Orkan Kyrill: Der Jahrhundertsturm vom 18. Januar 2007

Böen bis 225 km/h, bundesweiter Bahn-Stillstand und verwüstete Wälder - Kyrill wurde zum Maßstab für Winterorkane in Mitteleuropa.

Zeitraum
18./19. Januar 2007
Raum
Deutschland & Mitteleuropa
Rubrik
Wetterarchiv
Eine komplett überschlagene Dachkonstruktion liegt verdreht auf einem Gebäude, die Sparren ragen frei in die Luft
Trebbus in Brandenburg am 18. Januar 2007: Kyrill hat die Dachkonstruktion in zwölf Metern Höhe komplett überschlagen. CS3 Wikimedia Commons Public Domain

Am Abend des 18. Januar 2007 stand Deutschland still. Die Deutsche Bahn stoppte erstmals in ihrer Geschichte vorsorglich den Fernverkehr im gesamten Netz, über eine Million Menschen saßen ohne Strom im Dunkeln, und auf dem Brocken heulten Orkanböen von fast 200 km/h. Orkan Kyrill traf Mitteleuropa mit einer Wucht, die seither als Referenz für Wintersturmlagen gilt.

Das Besondere an Kyrill war nicht allein die Stärke, sondern die Fläche: Eine ungewöhnlich südliche Zugbahn brachte fast ganz Mitteleuropa gleichzeitig ins Sturmfeld. Vom Rheinland bis nach Polen, von den Niederlanden bis zu den Alpen wurden verbreitet Orkanböen registriert - im Bergland ebenso wie im Flachland.

Und Kyrill kam nicht aus dem Nichts. Der Orkan war der Höhepunkt eines extremen Westwind-Winters, der schon Wochen zuvor Rekorde brach und selbst den Transatlantik-Flugverkehr durcheinanderwirbelte.

Ablauf: Von Neufundland ins Baltikum in vier Tagen

Kyrill entstand am 15. Januar 2007 als Tiefdruckgebiet bei Neufundland und wurde von einem außergewöhnlich starken Jetstream rasch ostwärts gesteuert. Am 18. Januar um 7 Uhr MEZ überquerte der Kern Nordirland mit rund 966 hPa. Bis zum Mittag vertiefte sich das Tief über der südlichen Nordsee auf unter 960 hPa, am Morgen des 19. Januar lag es bereits über dem Baltikum.

Den Höhepunkt erreichte der Sturm am Abend des 18. Januar mit dem Durchgang der Kaltfront. Sie brachte Gewitter, extreme Böen und einen markanten Temperatursturz: In Göttingen fiel das Thermometer in nur zehn Minuten von 12,8 auf 6,2 Grad, binnen zwei Stunden wurden dort rund 2000 Blitze gezählt. An der Front bildeten sich zudem mehr als ein Dutzend Tornados, darunter Fälle der Stärke F2 und F3 in Ostdeutschland im Raum Wittenberg.

Zahlen und Fakten

MessgrößeWert
Kerndruck (Minimum)unter 960 hPa (südliche Nordsee, 18.01. mittags)
Höchste Böe Europas225 km/h (Konkordiahütte am Aletschgletscher, 2850 m)
Weitere BergstationenSchneekoppe 216 km/h, Feuerkogel 207 km/h, Wendelstein ca. 202 km/h, Brocken 197-198 km/h
FlachlandDüsseldorf 144 km/h; Wolfsegg am Hausruck (AT) 148 km/h (Allzeitrekord)
Todesopferrund 47 in Europa, davon 13 in Deutschland, 14 in Großbritannien, 7 in den Niederlanden
Gesamtschadenca. 10 Milliarden US-Dollar in Europa
Versicherte Schäden Deutschlandca. 2,4 Milliarden Euro (GDV-Zahlungen)
Sturmholz15,7 Mio. Festmeter allein in NRW; bundesweit je nach Quelle ca. 25-37 Mio. Festmeter
Stromausfälleüber 1 Mio. Menschen betroffen, im Osten teils bis zu 36 Stunden

Folgen: Stillstand auf der Schiene, Kahlschlag im Wald

Gegen 21 Uhr stellte die Deutsche Bahn am 18. Januar den Fernverkehr bundesweit ein - eine Premiere in der Geschichte des Unternehmens. Bis 6 Uhr früh strandeten Zehntausende Reisende, abgestellte Züge dienten als Notunterkünfte. Am erst 2006 eröffneten Berliner Hauptbahnhof stürzte ein tonnenschwerer Stahlträger aus der Fassade.

Am härtesten traf es die Wälder. Allein in Nordrhein-Westfalen fielen 15,7 Millionen Festmeter Holz, überwiegend Fichten-Monokulturen im Sauerland und Siegerland auf rund 50.000 Hektar - so viel wie sonst in drei Erntejahren zusammen. Der Waldschaden in NRW überstieg 1,5 Milliarden Euro. An die Kahlflächen erinnert bis heute der Kyrillpfad bei Schmallenberg-Schanze am Rothaarsteig, wo umgestürzte Bäume bewusst liegen gelassen wurden.

In Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt dauerten die Stromausfälle örtlich bis zu 36 Stunden. Europaweit starben rund 47 Menschen, einzelne Quellen nennen bis zu 49.

Meteorologische Einordnung: Ein übersteuerter Jetstream

Kyrill war kein Einzelereignis, sondern der Kulminationspunkt einer extrem zonalen Zirkulation. Der Winter 2006/07 wurde in Deutschland mit einem Gebietsmittel von 4,4 Grad der wärmste seit Beginn der flächendeckenden Aufzeichnungen 1901 - satte 4,2 Grad über dem Referenzwert und rund 0,7 Grad über den alten Rekordwintern 1974/75 und 1989/90. Der DWD führte das auf persistente Südwest- und Westlagen zurück: Kaltluft hatte in Mitteleuropa praktisch nie eine Chance. Auch in den Niederlanden meldete das KNMI mit 6,5 Grad Mitteltemperatur den wärmsten Winter der Messreihe.

Wie stark die Westdrift war, zeigte sich schon Anfang Januar am Flugverkehr: Mehrere Transatlantikflüge von Continental Airlines nach Newark, unter anderem ab Hamburg (CO75) und Berlin (CO97), mussten wegen extremer Gegenwinde über dem Nordatlantik zum Nachtanken in Gander oder Bangor zwischenlanden. Forenberichten zufolge lagen die Gegenwindkomponenten teils über 140 km/h, die Flugzeit Hamburg-Newark stieg von normal 6-7 auf über 9 Stunden - betroffen waren vor allem die reichweitenkritischen Boeing 757-200 auf den dünnen Europa-Strecken. In Gegenrichtung sollen die Jets mit Rückenwind auf Bodengeschwindigkeiten von über 600 Knoten gekommen sein. Dieselbe rekordstarke Strömung steuerte am 18. Januar Kyrill nach Europa.

Erst nach dem Orkan stellte sich die Lage um: Um den 23./24. Januar drehte die Strömung, Kaltluft floss ein, und die Saison erlebte ihren ersten nennenswerten Wintereinbruch. Jena registrierte am 26. Januar ein Minimum von -11,2 Grad, im Nordosten der Niederlande bildete sich Ende Januar eine 6-7 cm dicke Schnee- und Eisdecke. Das Intermezzo blieb kurz - der Februar verlief erneut zu mild, der Rekordstatus des Winters hatte Bestand. Wer solche Umstellungen der Großwetterlage heute nachvollziehen will, findet in unseren Topkarten und Modellübersichten die passenden Werkzeuge.

Der Winter 2006/07 hatte noch eine Nebenwirkung, die damals kaum Beachtung fand: Bei anhaltend milder Witterung setzt die Blüte von Hasel und Erle Wochen früher ein, teils schon im Dezember. Wie sich der Blühbeginn in Deutschland seit den 1950er Jahren verschoben hat, zeigt der Beitrag Milde Winter, früher Blühbeginn.

Das Ereignis im Wetterzentrale-Forum

Im Wetterzentrale-Forum war Kyrill das beherrschende Thema jener Wochen. In den Tagen unmittelbar nach dem Orkan teilten Nutzer in einem vielbeachteten Thread Schadensfotos aus ganz Deutschland - umgestürzte Bäume, abgedeckte Dächer, verwüstete Wälder. Die Bilder waren offenbar so eindrücklich, dass sogar das spanische Wetterforum foro.tiempo.com den Thread verlinkte: Das Forum galt damals europaweit als Anlaufstelle für Live-Berichte bei Extremwetter. Schon Anfang Januar wurde dort über die nicht enden wollende Westwindlage diskutiert, wobei die umgeleiteten US-Flüge als greifbarer Alltagsbeweis für die Stärke des Jetstreams die Runde machten. Ende Januar folgten dann Diskussionen über Modellkarten zum Kaltluftvorstoß - ein Thread, auf den sogar ein niederländisches Auto-Forum verwies. Die Originalbeiträge sind mit der Abschaltung des Forums verloren gegangen; eine Übersicht rekonstruierter Diskussionen findet sich in unserem Forum-Archiv.