Kaum ein Winter der 2000er Jahre hat sich so tief ins Gedächtnis der Wetter-Community eingebrannt wie der Winter 2005/06. Er begann Ende November mit einem Paukenschlag im Münsterland und entließ die Alpen erst Anfang Juni 2006 aus seinem Griff. Österreich lag laut ZAMG 2,1 Grad unter dem Klimamittel 1981-2010, Oberösterreich erlebte mit 116 Schneedeckentagen den schneereichsten Winter seit Messbeginn 1917.
Dazwischen reihte sich Kapitel an Kapitel: ein tagelanger Stromausfall für rund 250.000 Menschen, die Dacheinstürze von Bad Reichenhall und Kattowitz mit zusammen 80 Toten, Katastrophenalarm in Niederbayern, ein Märzwinter, der Ostfrankreich unter bis zu einem Meter Neuschnee begrub - und zum Abschluss Schneefall bis unter 1000 Meter mitten im meteorologischen Sommer.
Für die Nutzer des Wetterzentrale-Forums war dieser Winter ein Dauerbrenner. Drei rekonstruierte Threads aus jener Zeit spannen den Bogen dieses Artikels: Schneefotos kurz vor Weihnachten 2005, eine Bilanz im Frühjahr 2006 und der Junischnee als verblüffender Schlusspunkt.
Auftakt im November: das Münsterländer Schneechaos
Am Freitag, dem 25. November 2005, traf mit Sturmtief Thorsten kalte, sehr feuchte polare Meeresluft auf Nordwestdeutschland. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt fiel extrem nasser, schwerer Schnee: bis zum Mittag örtlich schon 20 Zentimeter, insgesamt lokal über 50 Zentimeter. Der Nassschnee haftete an Bäumen und Stromleitungen und gefror im starken Wind zu einem Eispanzer.
Unter der Last aus Eis, Schnee und Sturmböen knickten 82 Strommasten der RWE um, viele davon Altmasten aus sprödem Thomasstahl - im Netz standen damals noch 10.300 Hochspannungsmasten aus der Zeit vor 1940. Rund 250.000 Menschen in 25 Gemeinden waren tagelang ohne Strom, am härtesten traf es Metelen, Ochtrup, Vreden, Laer, Schöppingen und Spelle. Für die Kreise Steinfurt und Borken wurde Katastrophenalarm ausgerufen, Bundeswehr und THW bauten Notstromversorgungen auf. Die Polizei zählte bis Freitagabend 1.200 Unfälle, eine Auslieferungsfahrerin starb. Der Gesamtschaden lag bei rund 100 Millionen Euro. Das Ereignis wurde zum Lehrstück für den Schutz kritischer Infrastrukturen: RWE sanierte bis 2010 rund 60 Prozent seiner 44.000 Strommasten.
Weihnachten 2005: Fotowetter vor dem Tauwetter
Der Dezember brachte zum Ende der ersten Dekade kräftige Schneefälle vor allem in der Osthälfte Deutschlands, ab dem 13. Dezember herrschte verbreitet Schnee- und Eisglätte. Kurz vor Weihnachten lag das Land dann unter trockener arktischer Kaltluft: sonnige Tage, eiskalte Nächte, verschneite und raureifüberzogene Landschaften - ideales Fotowetter, das damals zahlreiche Bilderthreads im Forum füllte.
Pünktlich zum Fest kippte die Lage: Ab dem 23. Dezember verdrängte milde Meeresluft die Kaltluft unter gefrierendem Regen langsam nach Nordosten. Weihnachten selbst fiel im Nordwesten ungewöhnlich mild und regnerisch aus, im Flachland gab es dort kein weißes Fest.
Januar 2006: die Dachlast-Tragödien
Am 2. Januar 2006 um 15:54 Uhr stürzte das Dach der Eissporthalle in Bad Reichenhall während des Publikumslaufs ein. 15 Menschen starben, darunter viele Kinder und Jugendliche, 34 wurden verletzt. Die Schneelast lag unter der statisch angesetzten Maximallast von 150 Kilogramm pro Quadratmeter und war nur der Auslöser: Die Untersuchung offenbarte gravierende Baumängel, von der falsch berechneten Holzkonstruktion bis zu wasserlöslichem Leim, dessen Fugen jahrelang eindringendes Wasser aufgelöst hatte. Der Fall beschäftigte die Justiz bis zum Bundesgerichtshof, der 2010 einen Freispruch aufhob.
Nur vier Wochen später, am 28. Januar um 17:14 Uhr, kollabierte das Flachdach der Messehalle in Kattowitz (Polen) während einer Taubenzüchter-Ausstellung mit rund 700 Besuchern: 65 Tote, etwa 170 Verletzte - das schwerste Unglück dieser Art in Polen. Auf dem Dach lagen rund 50 Zentimeter gefrorener Schnee und Eis, insgesamt etwa 2.500 Tonnen. Viele Opfer erfroren in den Trümmern bei eisigen Temperaturen. Beide Katastrophen lösten europaweit Schneelast-Kontrollen öffentlicher Gebäude aus.
Schneerekorde von Salzburg bis Niederbayern
Im Alpenraum türmte sich der Schnee derweil zu historischen Höhen. In Salzburg-Stadt lag an 79 von 90 Wintertagen Schnee, bei 30 Dauerfrosttagen und rund 50 Prozent mehr Neuschnee als üblich. Örtlich lag so viel Schnee wie seit 50 bis 60 Jahren nicht: Bad Aussee meldete im Februar 160 Zentimeter, Lunz am See im Januar 115 Zentimeter, Freistadt stellte mit 42 Zentimetern einen Stationsrekord auf.
In Ostbayern wuchs die Schneedecke schon um 500 Meter Höhe auf über einen Meter. Als im Februar 2006 in den östlichen Mittelgebirgen binnen weniger Tage mehr als ein Meter Neuschnee fiel, galten über 1.000 Gebäude als schneelastgefährdet, in mehreren niederbayerischen Landkreisen wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Bundeswehr und THW schaufelten Dächer frei.
Märzwinter und Schnee bis in den Juni
Anfang März schlug der Winter noch einmal mit voller Wucht zu. Am 4. und 5. März fielen in der Franche-Comté bis zu 60 bis 70 Zentimeter Schnee in 24 Stunden, praktisch bis ins Flachland: Belfort meldete 60 Zentimeter, Klingenthal im Elsass sogar einen Meter. Tausende Urlauber saßen in den Alpen fest, die Temperatur stürzte in einer Nacht um 15 bis 18 Grad. In Deutschland fielen bis 40 Zentimeter Schnee im Norden und 50 bis 100 Zentimeter im Alpenvorland, im Erzgebirge kamen am 11. und 12. März über 50 Zentimeter Neuschnee hinzu. Der März 2006 lag etwa 4 bis 6 Grad unter dem klimatologischen Mittel.
Selbst der Sommeranfang brachte keine Ruhe: Am 1. Juni 2006 strömte erneut polare Kaltluft ein, es schneite bis gegen 1500 Meter herab, am Morgen des 2. Juni im Westen Österreichs örtlich bis unter 1000 Meter. Am Titlis lagen am 1. Juni noch 340 Zentimeter Schnee, während im Tal in Engelberg längst alles grün war. Auf den Gletschern wurde bis in den Frühsommer Powder gefahren.
Zahlen und Fakten
| Ort / Region | Messwert | Zeitpunkt |
|---|---|---|
| Münsterland | über 50 cm Nassschnee, 82 geknickte Strommasten | 25./26.11.2005 |
| Bad Aussee (Steiermark) | 160 cm Schneehöhe | Februar 2006 |
| Innsbruck | 119 Schneedeckentage | Winter 2005/06 |
| Oberösterreich | 116 Schneedeckentage (Rekord seit 1917) | Winter 2005/06 |
| Franche-Comté | 60-70 cm Neuschnee in 24 Stunden | 04./05.03.2006 |
| Klingenthal (Elsass) | 100 cm Schneehöhe | 05.03.2006 |
| Erzgebirge | über 50 cm Neuschnee | 11./12.03.2006 |
| Titlis (Schweiz) | 340 cm Schneehöhe | 01.06.2006 |
Meteorologische Einordnung
So beeindruckend die Bilanz ausfällt: Rekordschneereich war der Winter 2005/06 nicht überall. Der Rekordcharakter betraf vor allem tiefe und mittlere Lagen der Alpennordseite, Bayern, Österreich nördlich des Alpenhauptkamms und die Mittelgebirge. In der Schweiz zählte der Winter an der Alpennordseite unterhalb von rund 1800 Metern zu den drei schneereichsten der letzten 20 Jahre, während die Alpensüdseite oberhalb von 1300 Metern schneearm blieb. Bemerkenswert war weniger ein einzelnes Extremereignis als die schiere Ausdauer: immer neue Kaltluftvorstöße von November bis in den Juni, deren Zugbahnen sich in den Modellkarten von damals bis heute nachvollziehen lassen - vergleichbare Lagen lassen sich in unserem Topkarten-Archiv und bei den Wettermodellen studieren.
Aus heutiger Sicht ist der Winter 2005/06 auch deshalb bemerkenswert, weil er einen Gegenpol zur langfristigen Entwicklung bildet: Milde Winter haben den Blühbeginn von Hasel und Erle in Deutschland deutlich nach vorn verschoben und die Pollensaison verlängert. Wie stark diese Verschiebung ausfällt, zeigen die phänologischen Reihen des Deutschen Wetterdienstes - nachzulesen in Milde Winter, früher Blühbeginn.
Das Ereignis im Wetterzentrale-Forum
Das alte Wetterzentrale-Forum ist längst abgeschaltet, doch über verlinkende Seiten lassen sich Spuren der damaligen Diskussionen rekonstruieren. Ein Blog verlinkte am 23. Dezember 2005 einen Foto-Thread mit beeindruckenden Schneebildern von Christian aus Braunschweig, entstanden offenbar in der klirrend kalten Phase kurz vor dem Weihnachtstauwetter. Im Frühjahr 2006 zogen Nutzer in einem Thread mit dem Titel “was vom rekordwinter übrig blieb” Bilanz über die enormen Altschneemengen in Alpen und Mittelgebirgen. Und Anfang Juni 2006 wurde ein Forumsbeitrag zum Junischnee sogar in einem griechischen Skiforum geteilt - dort kursierten Zahlen wie rund 3 Meter Schnee in Sölden und 235 Zentimeter in Hintertux. Mehr zur Geschichte des Forums findet sich in unserem Forum-Archiv.
Quellen und weiterführende Links
- Wetterdienst.de: Als Deutschland im Schnee versank - der strenge Winter 2005/2006
- Wikipedia: Münsterländer Schneechaos
- BBK: 15 Jahre Schneekatastrophe im Münsterland
- Wikipedia: Eislauf- und Schwimmhalle Bad Reichenhall
- Wikipedia: Dacheinsturz auf der Kattowitzer Messe
- ORF Salzburg: Winterbilanz 2005/06
- ZAMG: Witterungsverlauf Juni 2006 (PDF)
- Météo Paris: Wetterchronik 2006