Ein Tornado mitten in einer Großstadt - und das nicht bei einem schweren Sommergewitter, sondern eingebettet in graues Dauerregenwetter: Am Montagabend des 28. August 2006 zog zwischen 18:25 und etwa 18:37 Uhr ein Wirbel der Stärke F2 durch den Nürnberger Süden. Betroffen waren vor allem die Stadtteile Falkenheim und Gartenstadt, in Presseberichten wurde auch die Kettelersiedlung genannt.
Innerhalb weniger Minuten deckte der Tornado zahlreiche Dächer ab, ließ Schornsteine abstürzen, zerstörte Gartenhäuser und Carports und entwurzelte sehr viele Bäume. Rund 150 Menschen waren direkt betroffen, verletzt wurde erstaunlicherweise niemand. Der Gesamtschaden wurde auf rund 2 Millionen Euro geschätzt, mehrere Gebäude waren zunächst unbewohnbar.
Der Fall gilt bis heute als einer der am besten dokumentierten deutschen Tornados des Jahres 2006. Der Grund: Gleich zwei Anwohner hielten den Wirbel im Bild fest - einer davon vermutlich mit den ersten Aufnahmen aus dem Inneren eines Tornados in Deutschland.
Ablauf des Abends
Der Tornado trat in einem Umfeld auf, das kaum nach Tornado aussah. Über Nürnberg fiel an diesem Abend extrem starker Regen mit lokalen Überflutungen, die Pegnitz stieg in der Altstadt binnen rund einer Stunde um etwa einen Meter. Blitze wurden im Umfeld des Ereignisses nicht registriert. Der Wirbel war also kein klassischer Superzellen-Tornado, sondern in ein Starkregengebiet ohne nennenswerte Gewitteraktivität eingelagert.
Gegen 18:25 Uhr erfasste er den Stadtteil Falkenheim und arbeitete sich in gut zehn Minuten ostwärts durch das Wohngebiet. Noch am selben Abend, um 21:08 Uhr, traf bei Tornado-Experte Thomas Sävert ein Erstbericht der Familie Enke per Mail ein: Er beschrieb eine rund 100 Meter breite Schneise, in der ganze Dächer abgedeckt und Bäume mit 30 bis 40 Zentimetern Stammdurchmesser geknickt wurden. Feuerwehr Nürnberg und THW rückten mit etwa 350 Einsatzkräften und über 60 Fahrzeugen aus und arbeiteten bis in den Morgen, um Dächer notdürftig abzudichten und vollgelaufene Keller auszupumpen.
Die Zugbahn im Detail
Zwischen dem 28. und 30. August beging Ralf Rettig das Schadensgebiet und veröffentlichte eine detaillierte Analyse. Sein Ergebnis: eine scharf begrenzte, etwa 1,7 Kilometer lange und 150 bis 250 Meter breite Schadensspur, die fast vollständig in Falkenheim liegt - zwischen der A73 im Süden und der Trierer Straße im Norden. Die Spur beginnt im Westen in einem Mischwald rund 150 Meter westlich des Ludwig-Donau-Main-Kanals, wo auffällig nur Laubbäume, aber keine einzige Kiefer umgeworfen wurde.
Rettig unterteilte die Spur in fünf Bereiche mit Intensitäten von T1-T2 am Rand bis T3-T4 in der Kernzone. Die schwersten Schäden traten rund um Sankt-Wendel-Straße, Saarlouiser Straße, Sankt-Ingbert-Straße und Neunkirchener Straße auf: Praktisch alle Hausdächer dort - 10 bis 15 Häuser - wurden nennenswert beschädigt, drei bis vier Gebäude schwer, eines komplett abgedeckt mit teilweise eingestürztem Ostgiebel. Weiter östlich folgte ein zweites Schadensmaximum um die Kreuzung Schießplatzstraße/Dillinger Straße, ehe die Spur an der Herpersdorfer Straße auslief.
Das entscheidende Tornado-Indiz fand Rettig in den Fallrichtungen der Bäume: Auf engem Raum lagen sie in entgegengesetzte Richtungen, teils um 180 Grad gedreht innerhalb von nur 5 bis 10 Metern Abstand - ein klarer Rotationsnachweis. Laut Berufsfeuerwehr steckten Dachziegel sogar in den Dämmschichten benachbarter Hauswände, ein Hinweis auf sehr hohe Windgeschwindigkeiten.
Zahlen und Fakten
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Datum und Zeit | Montag, 28.08.2006, ca. 18:25 bis 18:37 Uhr MESZ |
| Intensität | F2 (bestätigt), maximal T3-T4 auf der TORRO-Skala |
| Zugbahn | ca. 1,7 km lang, 150-250 m breit, von West nach Ost |
| Gesamtschaden | ca. 2 Millionen Euro |
| Direkt Betroffene | ca. 150 Personen, 0 Verletzte |
| Gebäudeschäden | 10-15 Häuser erheblich, 3-4 schwer, 1 komplett abgedeckt |
| Einsatzkräfte | ca. 350 (Feuerwehr und THW), über 60 Fahrzeuge |
Augenzeugen: Blick ins Innere des Wirbels
Robert Marr fotografierte und filmte aus seinem Fenster direkt in den Wirbel hinein. Er beschrieb eine große, überraschend langsam rotierende, breite Säule ohne eigene Farbe - sichtbar nur durch Regen, Dreck und Trümmer, darunter viele Bahnen Dämmwolle. Aufmerksam wurde er erst, als ein Stück des eigenen Kamins über das Dach polterte. Danach blieben ihm nur 20 bis 30 Sekunden, ehe draußen wieder ein gewöhnliches Unwetter herrschte. Blitz und Donner nahm er nicht wahr.
Max Enke beobachtete gegen 18:25 Uhr, wie zwei Wolken entlang der Neunkirchener Straße mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zuflogen, sah Bäume wie in Zeitlupe zu Boden biegen, Garagentore auf- und zuschlagen und unzählige Dachziegel wie Konfetti um eine unsichtbare Achse kreisen. Gegen 18:35 Uhr fotografierte er aus seinem Nordfenster den abziehenden Tornado - auf dem Bild ist die Schräge der Trümmerröhre noch erkennbar, während Dachteile weiter nach oben gezogen wurden. Sein eigenes Haus kam mit einem Riss im Mauerwerk des Garagendachs davon. 17 weitere Enke-Fotos zeigen die Zerstörung rund eine Stunde später.
Meteorologische Einordnung
Der Tornado passte in einen extremen Witterungsumschwung. Auf den heißesten Juli seit Messbeginn (Monatsmittel 22,0 Grad, 5,1 Grad über dem Soll) folgte Anfang August 2006 eine komplette Umstellung der Großwetterlage: Die Polarfront verlagerte sich weit nach Süden, über Mitteleuropa lag ein Trog, kühle Meeresluft polaren Ursprungs wurde über der noch warmen Landoberfläche permanent labilisiert. Solche Konstellationen lassen sich heute bequem in historischen Reanalyse-Karten unter /topkarten/ nachvollziehen.
Auslöser am 28. August war das Tief Isabel, das von den Benelux-Ländern ostwärts über Deutschland zog und verbreitet ergiebige Niederschläge brachte - bis Dienstagfrüh fielen binnen 24 Stunden 65 Liter pro Quadratmeter auf Helgoland. Der August 2006 endete als rekordverdächtig nasser und trüber Monat mit nur 66 Prozent der üblichen Sonnenscheindauer, zum Monatsende fielen auf der Zugspitze 65 Zentimeter Neuschnee. Deutschlandweit wurden in diesem August über 40 Tornados und Wasserhosen registriert.
Nürnberg blieb an diesem Tag kein Einzelfall: Nahezu zeitgleich, gegen 18:30 Uhr, entstand östlich der Stadt bei Altdorf eine mindestens 5 Kilometer lange Schadensspur von Altenthann bis nördlich von Rasch, die in der Tornadoliste Deutschland als F1-Verdachtsfall geführt wird. Auch aus Wülfrath in Nordrhein-Westfalen wurde am selben Tag ein schwächerer Tornado gemeldet. Vieles spricht dafür, dass dieselbe Schauerlinie im Umfeld von Tief Isabel binnen weniger Minuten mehrere Wirbel produzierte.
Das Ereignis im Wetterzentrale-Forum
Im Wetterzentrale-Forum wurde der Fall damals über mehrere Threads hinweg intensiv begleitet - von der ersten Meldung eines lokalen Starkwindereignisses über Zeitungsartikel und Schadensfotos bis zur Verifikation. Nutzer teilten unter anderem Max Enkes Foto des abziehenden Tornados samt Augenzeugenbericht. Den Schlusspunkt setzte am 3. September 2006 ein Verifikations-Thread: Ein Forumsmitglied hatte über die Zeitungsredaktion den Kontakt zum Fotografen Robert Marr hergestellt und veröffentlichte dessen Bericht samt ausgefülltem Fragebogen von Bernold Feuerstein - mit der Einschätzung, es handle sich vermutlich um die ersten Aufnahmen aus dem Inneren eines Tornados in Deutschland. Da das Forum heute abgeschaltet ist, lassen sich die Inhalte nur rekonstruieren; ein Teil davon blieb als gespeicherte Kopie auf naturgewalten.de erhalten. Mehr zur Geschichte des Forums gibt es unter /forum-archiv/.
Quellen und weiterführende Links
- Fallübersicht Tornado Nürnberg auf naturgewalten.de (Thomas Sävert)
- Detaillierte Schadensanalyse der Zugbahn von Ralf Rettig
- Fotoserie und Augenzeugenbericht von Max Enke
- Augenzeugenbericht von Robert Marr mit Innenaufnahmen
- Eintrag in der Tornadoliste Deutschland
- WetterOnline-Rückblick: Abgedeckte Dächer in Nürnberg
- Sturmdokumentation 2006 der Deutschen Rück (PDF)
- DWD-Pressemitteilung: Deutschlandwetter im August 2006