Wasserhose

Drei Wasserhosen über dem Starnberger See am 17. September 2005

Binnen einer halben Stunde bildeten sich am Abend des 17. September 2005 gleich drei Wasserhosen zwischen Feldafing und Tutzing.

Zeitraum
17. September 2005
Raum
Starnberger See, Bayern
Rubrik
Wetterarchiv

Ein Samstagabend Mitte September, ein abziehender Regenschauer über dem Starnberger See - und plötzlich hängt ein rotierender Rüssel unter der Wolkenbasis. Was sich am 17. September 2005 zwischen Feldafing und Tutzing abspielte, gehört zu den am besten dokumentierten Wasserhosen-Ereignissen an einem bayerischen See: Innerhalb von rund 30 Minuten bildeten sich gleich drei Wasserhosen, zeitweise standen zwei davon nebeneinander über dem Wasser.

Dass wir das Ereignis heute so genau kennen, ist vor allem einem Mann zu verdanken: Walter Stieglmair aus München, Betreiber der Website sturmwetter.de. Er beobachtete das Schauspiel von einem Hotelsteg in Ammerland am Ostufer aus, fotografierte und filmte - und meldete seine Beobachtung noch am selben Abend um 19:47 Uhr im Wetterzentrale-Forum. Sein späterer Foto-Thread mit 36 Bildern und einem Video machte den Fall weit über die deutsche Wettergemeinde hinaus bekannt.

Die Tornadoliste Deutschland von Thomas Sävert führt das Ereignis bis heute mit drei bestätigten Einträgen: drei Wasserhosen bei Tutzing, Region Starnberger See. Schäden gab es keine - dafür zahlreiche staunende Hotelgäste am Steg.

Ablauf des Abends

Gegen 18:15 Uhr zog ein Regenschauer nach Süden über den See ab. An seiner Rückseite bildete sich zunächst eine Funnelcloud, also ein Wolkenrüssel, der noch keinen Bodenkontakt hatte. Das änderte sich schnell: Der Rüssel bekam Kontakt zur Wasseroberfläche, Wasser wirbelte sichtbar nach oben - die erste Wasserhose war geboren.

Kurz darauf entstand daneben eine zweite. Für einige Minuten standen beide Wirbel gleichzeitig nebeneinander über dem See. Die erste löste sich bald auf, die zweite wurde dagegen dicker und hielt sich etwa eine Viertelstunde. Nach einer kurzen Pause, in der die Wolkenbasis erkennbar weiterrotierte, folgte der Höhepunkt: eine dritte, besonders kräftige Wasserhose mit beachtlichem Durchmesser. Auch sie bestand noch einmal rund 15 Minuten, ehe sie sich in einer markanten Zickzack-Form auflöste.

Bemerkenswert: Das gesamte Geschehen spielte sich nahezu ortsfest knapp vor dem Westufer ab. Gegen 18:45 Uhr war der Spuk vorbei - eine halbe Stunde, drei Wirbel, keine Schäden.

Zahlen und Fakten

MerkmalWert
DatumSamstag, 17. September 2005
Zeitraumca. 18:15 bis 18:45 Uhr MESZ
OrtWestufer des Starnberger Sees, zwischen Feldafing und Tutzing
Anzahl der Wirbel3 (zeitweise 2 gleichzeitig)
Lebensdauerzweite und dritte Wasserhose je ca. 15 Minuten
Verlagerungnahezu ortsfest
Schädenkeine
Einstufung3 bestätigte Wasserhosen (Typ W) in der Tornadoliste Deutschland
BeobachterWalter Stieglmair (sturmwetter.de), vom Hotelsteg in Ammerland

Wie Wasserhosen entstehen

Wasserhosen zählen zu den sogenannten Typ-II- oder nicht-mesozyklonalen Tornados. Sie brauchen keine Superzelle und keine rotierende Mesozyklone - anders als die meisten zerstörerischen Tornados über Land.

Das typische Rezept: Nach einem Trogdurchgang oder rückseitig einer Kaltfront strömt kalte, labil geschichtete Höhenluft über einen noch sommerwarmen See. Der starke Temperaturunterschied zwischen warmem Oberflächenwasser und kalter Höhenluft destabilisiert die Atmosphäre. Feuchte Luft steigt auf und bildet rasch wachsende Cumuluswolken mit tiefer Basis. Entscheidend sind zusätzlich bodennahe Windkonvergenzen: Entlang solcher Konvergenzlinien existiert bereits vertikale Rotation. Zieht der Aufwind unter einer wachsenden Wolke diese Rotation in die Länge, wird sie gestreckt und dadurch beschleunigt - Meteorologen sprechen von Vorticity-Stretching. Der sichtbare Rüssel wächst dabei von der Wolkenbasis zur Wasseroberfläche hinab.

Günstig ist eine insgesamt windschwache Lage mit geringer vertikaler Windscherung. Genau deshalb bleiben Wasserhosen meist quasi ortsfest - wie auch am Starnberger See 2005. Hauptsaison ist der Spätsommer und Frühherbst von August bis Oktober mit Schwerpunkt im September: Dann haben die Seen ihre höchsten Wassertemperaturen, während die ersten Kaltluftvorstöße eintreffen. Wer solche Lagen nachvollziehen will, findet die passenden Analyse- und Vorhersagekarten in unserem Bereich Topkarten sowie unter Modelle.

Der Hotspot im Alpenvorland ist übrigens der Bodensee: Dort treten laut DWD im Schnitt zwei bis drei Wasserhosen pro Jahr auf, überwiegend im September. Passend dazu verzeichnet die Tornadoliste schon am 2. Oktober 2005, nur zwei Wochen nach dem Starnberger Ereignis, eine Wasserhose vor Friedrichshafen. An den kleineren bayerischen Seen sind die Wirbel deutlich seltener: Beim nächsten gut dokumentierten Fall am Starnberger See im September 2019 - eine etwa 30 bis 40 Meter hohe Wasserhose vor Leoni - erklärte die örtliche Wasserrettung, so etwas in 40 Jahren erst zweimal erlebt zu haben. Wasserhosen sind meist schwach (F0/F1), wenige Meter bis Zehnermeter dick, leben Minuten bis etwa eine halbe Stunde und zerfallen in der Regel am Ufer. Gefährlich sind sie vor allem für Segler und Boote.

Ein Nachspiel in Belgrad

Wie weit die Starnberger Fotos damals kursierten, zeigt eine kuriose Spur nach Serbien. Nur drei Tage vor dem Starnberger Ereignis, am 14. September 2005, war ein heftiges, eng begrenztes Unwetter über den Bezanija-Friedhof in Novi Beograd gezogen: Container wurden angehoben und umgeworfen, Grabdenkmäler zerstört, Besucher gerieten in Panik. Im serbischen IT-Forum elitesecurity.org entspann sich daraufhin eine tagelange Diskussion darüber, ob es sich um einen Tornado oder eine sogenannte Pijavica handelte - ein Nutzer schätzte die Stärke auf F1 bis schwaches F2 bei sehr schmaler Schadensschneise.

Am 19. September 2005 verlinkte derselbe Nutzer dann den Starnberger Foto-Thread aus dem Wetterzentrale-Forum als Anschauungsmaterial: Vorgestern habe es an einem deutschen See gleich drei Wasserhosen gegeben, samt Dutzenden Fotos und einem Video. Der bayerische Wetterbericht diente so ganz nebenbei als Lehrstück für ein Belgrader Publikum - ein frühes Beispiel dafür, wie Wetterdokumentation im Netz Grenzen übersprang.

Das Ereignis im Wetterzentrale-Forum

Im Wetterzentrale-Forum wurde das Ereignis noch am selben Abend zum Gesprächsthema. Walter Stieglmair, dort als Walter aus München unterwegs, setzte um 19:47 Uhr seine Erstmeldung ab; binnen Minuten trafen die ersten Antworten ein - Glückwünsche zur Beobachtung, eine Analyse des Münchner 12z-Soundings und der Hinweis, dass ein Forumsmitglied die Lage in seiner Prognose gut vorhergesagt hatte. Der eigentliche Foto-Thread trug damals den Titel 3 Tornados am Starnberger See mit 36 Bildern und einem Video und wurde mehrfach extern verlinkt, unter anderem im Rundfunkforum und im erwähnten serbischen Forum. Das Forum ist heute abgeschaltet; die Inhalte lassen sich nur noch aus Archiv-Schnappschüssen und externen Verweisen rekonstruieren. Mehr zur Geschichte des Forums und seiner Threads gibt es in unserem Forum-Archiv.