Föhnsturm

Föhnsturm im Wipptal: Orkanböen über Innsbruck am 2. Dezember 2005

Am 2. Dezember 2005 raste der erste schwere Föhnsturm seit rund einem Jahr durch das Wipptal - mit 151 km/h auf dem Patscherkofel.

Zeitraum
2./3. Dezember 2005
Raum
Wipptal / Innsbruck, Tirol
Rubrik
Wetterarchiv

Am Abend des 2. Dezember 2005 fegte der erste schwere Föhnsturm seit rund einem Jahr durch das Wipptal und über den Patscherkofel bei Innsbruck. Auf dem 2246 Meter hohen Hausberg der Landeshauptstadt registrierte die Station um 23 UTC eine Spitzenböe von 151 km/h bei einem Mittelwind von 108 km/h - Orkanstärke auf dem Berg, Sturmböen bis in die Tallagen.

Bemerkenswert war die Wetterlage: Es handelte sich nicht um eine klassische Südföhnlage. Stattdessen herrschte eine Südwestanströmung, in die ein Randtief eingelagert war. Ein Sturmtief am Ärmelkanal mit einem Kerndruck um 964 hPa (laut Bracknell-Analyse) verschärfte den Druckgradienten über den Alpen kurzzeitig massiv - und drückte die Strömung mit voller Wucht durch die Brennersenke.

Für die Föhnforschung wurde der Abend zum Glücksfall. Der Innsbrucker Meteorologe Felix Welzenbach stand während des Sturms gemeinsam mit Helge Tuschy auf dem Patscherkofel und veröffentlichte am 11. Dezember 2005 eine detaillierte Fallstudie, die bis heute online verfügbar ist.

Ablauf: Vom Kältehoch zum Föhnkollaps

Der Tag begann unspektakulär. Um 6 UTC lag ein Kältehoch über den Zentralalpen, in Südtirol wurden 1019 hPa gemessen. Ab 9 UTC baute kräftige Warmluftadvektion dieses Hoch ab, der Druckgradient über dem Alpenhauptkamm wuchs von Stunde zu Stunde.

Um 18 UTC erreichte das Druckgefälle seinen Höhepunkt: 15 hPa auf nur 85 Kilometern zwischen Arlberg und Timmelsjoch. Dem Luvhoch über der Po-Ebene mit 1012 hPa stand ein Leetief über Vorarlberg mit 997 hPa gegenüber, zwischen Innsbruck und Bozen lagen 4 hPa.

In Innsbruck brach der Föhn in zwei Schüben durch: gegen 15 UTC (Temperatursprung an der Uni-Station von etwa 3 auf 6 Grad) und erneut um 18 UTC (von 3 auf 8 Grad). Sein Maximum erreichte der Sturm zwischen 20 und 23 UTC. Gegen Mitternacht kollabierte der Föhn abrupt - die Temperatur stürzte um 8 Kelvin ab. Am Sattelberg kündigte sich da längst der nächste Akt an: Nach einem Feuchteminimum am Vormittag stieg die Luftfeuchte ab 16 UTC auf 100 Prozent, Aufgleitbewölkung zog von Südwesten auf - der Vorbote des Frontdurchgangs am 3. Dezember.

Zahlen und Fakten

StationMesswertZeitpunkt / Bemerkung
Patscherkofel (2246 m)Böe 151 km/h, Mittelwind 108 km/h23 UTC, Maximum des Sturms
IglsBöen bis ca. 100 km/h17-19 UTC, Privatbeobachtung
Innsbruck-FlughafenBöen 58 km/h aus Nordost22-23 UTC, vermutlich Rotoreffekte an der Nordkette
Innsbruck-FlughafenTemperaturanstieg von -1,2 auf +7,9 Gradwährend des Föhndurchbruchs
Ellbögen (Wipptal)Böigkeit 3-8 m/s über dem Mittelwindtypisches Gap-Flow-Signal
Arlberg-TimmelsjochDruckgefälle 15 hPa auf 85 km18 UTC

Kurios: Am Innsbrucker Flughafen wehte der Wind während des Föhnhöhepunkts aus Nordost - vermutlich eine Folge von Rotoreffekten der Föhnströmung, die auf die Nordkette prallte und zurückgelenkt wurde. Westlich der Martinswand hielt die nächtliche Kaltluft dem Föhn dagegen stand.

Warum das Wipptal die Föhngasse Tirols ist

Der Brenner ist mit 1370 Metern der tiefste Einschnitt im gesamten Alpenhauptkamm. Diese Senke wirkt bei Südföhn wie eine Düse: Die Luft wird durch die Lücke gepresst und schießt als sogenannter Gap Flow durch das Wipptal talauswärts. Sattelberg und Ellbögen sind die klassischen Messpunkte dieser Strömung, Innsbruck liegt direkt am Talausgang.

Dazu kommt der Leitplankeneffekt: Südlich des Hauptkamms wird die anströmende Luft an der Gebirgsbarriere entlanggeführt und in die Pässe gelenkt - der Kamm wirkt wie eine Leitplanke. Die Strömung selbst beschreibt die hydraulische Theorie ähnlich wie Wasser, das über ein Wehr läuft: oberhalb des Passes ruhig (subkritisch), am Pass kritisch, im Lee schießend (superkritisch). Wo die Strömung wieder in ruhiges Fließen übergeht, entsteht der hydraulische Sprung - mit heftiger Turbulenz und Rotoren, wie sie an jenem Abend am Flughafen zu spüren waren.

Kein Zufall also, dass das Wipptal 1999 die Kernregion des internationalen Mesoscale Alpine Programme (MAP) war, einer der größten Feldkampagnen der Föhnforschung überhaupt.

Meteorologische Einordnung

Der Kernbefund der Welzenbach-Studie: Die Föhnluft, die Innsbruck erreichte, stammte nicht vom Kammniveau des Patscherkofels, sondern aus dem Gap Flow des Wipptals - und es ließen sich sogar zwei übereinanderliegende Gap-Flow-Strömungen unterschiedlicher Herkunftshöhe nachweisen. Der Sturm auf dem Berg und der Föhn im Tal waren also nicht dieselbe Luft.

Für die Analyse griff Welzenbach auf ein bemerkenswert breites Datenfundament zurück: die VERA-Analysen der Universität Wien, Radiosondendaten (Wyoming-Soundings), Messungen der Universität Innsbruck sowie Privatstationen von Alexander Radlherr in Mils und Wolfgang Gurgiser in Vomp. Wer solche Druck- und Höhenwetterkarten heute nachvollziehen will, findet vergleichbares Material im Bereich Topkarten und bei den Wettermodellen.

Kaum eine Wetterlage wird so eng mit körperlichen Beschwerden in Verbindung gebracht wie der Föhn - von Kopfschmerz bis Kreislaufproblemen. Was davon tatsächlich belegt ist und was nicht, ordnet unser Beitrag zu Biowetter und Wetterfühligkeit ein.

Das Ereignis im Wetterzentrale-Forum

Der Föhnsturm schlug sich damals unmittelbar im Wetterzentrale-Forum nieder: Im Archiv-Board Interessante Beiträge lag ein Thread mit Live- und Erlebnisberichten aus der Sturmnacht. Nutzer teilten dort ihre Beobachtungen aus dem Großraum Innsbruck - darunter Wolfgang Gaeswiner aus Igls, der von Böen bis etwa 100 km/h, einem umgestürzten Christbaum und einer beschädigten 10-Kilo-Glaslaterne berichtete. Welzenbach zitierte diesen Bericht in seiner Studie ausdrücklich als Quelle aus der Wetterzentrale und stellte die komplette Föhnstudie wenig später selbst als eigenen Thread ins Forum. Das Forum ist heute abgeschaltet, die Threads sind auch in der Wayback Machine nicht erhalten - die Inhalte lassen sich nur noch aus der Studie und aus Archiv-Schnappschüssen der damaligen Forenübersicht rekonstruieren. Mehr zur Geschichte des Forums gibt es im Forum-Archiv.