Biowetter

Biowetter und Wetterfühligkeit: Was die Vorhersage kann - und was nicht

Fünf Wetterklassen, vier Beschwerdebilder, elf Regionen: Wie die Biowetter-Vorhersage entsteht - und wo die Studienlage trägt, wo sie dünn wird.

Folge
04 von 06
Stand
Juli 2026
Rubrik
Gesundheitswetter

Rund die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland hält das Wetter für einen Faktor, der die eigene Gesundheit beeinflusst. In der bislang jüngsten Repräsentativbefragung im Auftrag des Umweltbundesamtes gaben im Januar 2013 genau 50 Prozent von 1653 Befragten an, das Wetter habe etwas oder viel Einfluss darauf, wie es ihnen gesundheitlich geht. Zwölf Jahre zuvor waren es bei 1064 Befragten 54 Prozent. In den westdeutschen Erhebungen zwischen 1955 und 1984 lag der Wert über drei Jahrzehnte konstant bei rund 60 Prozent, mit einem Maximum von 63 Prozent im Jahr 1985.

Parallel dazu gibt der Deutsche Wetterdienst täglich Gefahrenindizes für Wetterfühlige heraus - das, was umgangssprachlich Biowetter heißt. Dazwischen klafft eine Lücke, die selten offen benannt wird: Die Vorhersage ist eine statistische Aussage über ein Kollektiv, die Wahrnehmung ist individuell, und die Beweislage unterscheidet sich je nach Beschwerdebild dramatisch. Für Hitze ist sie erdrückend. Für Föhnkopfschmerz ist sie nach siebzig Jahren Forschung immer noch uneinheitlich.

Wie der DWD das Biowetter rechnet

Die Gefahrenindizes beruhen nicht auf der objektiven Wetterlagenklassifikation, die der DWD für klimatologische Auswertungen betreibt. Grundlage ist ein eigenes Verfahren: die biosynoptische Wetterklassifikation, methodisch zurückgehend auf Karl Bucher, veröffentlicht 1993 als Bericht 183 des Deutschen Wetterdienstes.

Das Verfahren ordnet jede Lage einer von fünf biosynoptischen Klassen zu: warmes Hoch mit oder ohne Bodeninversion, warmluftadvektive Tiefdruckvorderseite, Tiefzentrum, kaltluftadvektive Rückseite und indifferente Wetterlage. Die Klassen bilden also nicht die Wetterlage als solche ab, sondern den Abschnitt im Lebenslauf eines Drucksystems, in dem sich die thermischen Bedingungen jeweils ähnlich verändern. Daraus entstehen vier Indizes - Herz-Kreislauf, Rheuma, Asthma und allgemeine Befindensbeeinträchtigungen -, beim Herz-Kreislauf-Index getrennt nach hohem und niedrigem Blutdruck, beim Rheuma-Index nach entzündlichen und degenerativen Formen. Jeder Index läuft in vier Stufen: positiv, kein Einfluss, geringe Gefährdung, hohe Gefährdung. Ausgegeben wird das für elf Regionen in Deutschland, jeweils getrennt für die erste und die zweite Tageshälfte.

Der unterstellte Mechanismus heißt Biotropie: die Wirkung aller wetterbestimmenden Elemente als Akkord auf den Organismus. Ausgeprägt ist diese Akkordwirkung dort, wo sich viele Größen gleichzeitig ändern - im Übergang vom abziehenden Hoch zum herannahenden Tief, beim Durchgang von Warm- und Kaltfronten, auf der labil geschichteten Tiefrückseite. Buchers Zusammenfassung der Studienlage lässt sich verdichten: Die stärksten Effekte treten bei starken Wetteränderungen auf, maßgeblich ist die mit dem Luftmassenwechsel verbundene Änderung der thermischen Bedingungen, und die geringste Belastung findet sich im Hochdruckzentrum, sofern keine thermische oder lufthygienische Zusatzbelastung vorliegt.

Diskutiert werden entsprechend Luftdruckänderungsraten, Luftmassenwechsel, Kaltluftvorstöße, Warmfrontdurchgänge, Föhnlagen, Hitze und Schwüle. Für Schwüle existiert eine sauber definierte Schwelle: Als Schwülegrenze gilt seit Scharlau (1943) ein Wasserdampfdruck von 18,8 hPa, entsprechend einem Taupunkt um 17 Grad; ein alternatives Maß ist die Äquivalenttemperatur mit einer Grenze bei etwa 65 Grad nach Auer (2001). Dahinter steht ein handfester Mechanismus: Bei hohem Dampfdruck verdunstet Schweiß schlechter, die Wärmeabgabe wird eingeschränkt, der Kreislauf muss kompensieren.

Wetterlage oder GrößeDiskutierter EffektEvidenzlage
Hitzewelle (Wochenmittel über etwa 20 Grad)Übersterblichkeit, Kreislaufdekompensationbelastbar, an objektiven Endpunkten gemessen
Schwüle (Dampfdruck über 18,8 hPa)eingeschränkte Wärmeabgabe, Kreislaufbelastungphysiologisch begründet
Kaltluftvorstoß, KaltfrontBeschwerden bei Bluthochdruck, Rheuma, Asthmastatistische Zusammenhänge auf Kollektivebene
Warmluftadvektive Tiefvorderseiteallgemeine Befindensstörungenstatistische Zusammenhänge, schwach
LuftdruckabfallGelenkschmerz, Migräneschwach und uneinheitlich
FöhnKopfschmerz, Unruhe, Schlafstörungenuneinheitlich, kein Kausalnachweis
Sfericsdiffuse BefindensstörungenHypothese ohne belastbaren Nachweis

Föhn: der meistuntersuchte Fall - und trotzdem strittig

Kein Wetterphänomen ist so eng mit Wetterfühligkeit verknüpft wie der Föhn, und keines liefert so eindrucksvolle Kennzahlen. Der Föhnsturm im Wipptal vom 2. Dezember 2005 zeigt die Größenordnung: 15 hPa Druckgefälle auf 85 Kilometern zwischen Arlberg und Timmelsjoch, am Innsbrucker Flughafen ein Temperaturanstieg von minus 1,2 auf plus 7,9 Grad, beim Kollaps des Föhns gegen Mitternacht ein Absturz um 8 Kelvin. Genau solche Raten gelten in der Biometeorologie als Stressor.

Der Nachweis gelingt trotzdem nicht. Einzelne Untersuchungen finden Korrelationen zwischen Föhn und Kopfschmerzen, für die Mehrheit ergibt sich kein einheitliches Bild. Eine Arbeit an psychiatrischen Patienten fand erhöhte Krankheitsaktivität mit zwei bis drei Tagen Verzögerung nach Föhnbeginn, aber keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Prospektive Studien mit hohem Evidenzlevel sind kaum durchführbar: Föhnlagen lassen sich nicht randomisieren, und niemand lässt sich gegenüber dem Wetter verblinden. Übrig bleiben Fallserien mit kleinen Zahlen und Befragungen, die auf subjektiven Einschätzungen beruhen. Dazu kommt ein statistisches Grundproblem - wenn sich ohnehin die halbe Bevölkerung als wetterfühlig bezeichnet, ist die Basisrate zu hoch, um einen einzelnen Auslöser sauber zu isolieren.

Hitze: hier ist die Evidenz eindeutig

Bei Hitze kippt das Bild vollständig, und der Grund dafür ist methodisch. Hitzemortalität wird nicht über Selbstauskünfte erhoben, sondern über Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamtes. Der Endpunkt ist objektiv, vollständig erfasst und nicht durch Erwartungshaltung verzerrbar.

Das Robert Koch-Institut modelliert die Gesamtmortalität für 1992 bis 2024 mit einem generalisierten additiven Modell, gestützt auf stündliche Temperaturmessungen von 52 DWD-Stationen. Gerechnet wird mit Wochenmitteltemperaturen im Sommerhalbjahr, unter Einbezug von bis zu drei Vorwochen für verzögerte Effekte. Der Schwellenwert, ab dem ein kausaler Temperatureinfluss angenommen wird, liegt bei etwa 20 Grad im Wochenmittel - eine solche Woche enthält typischerweise mehrere Tage über 30 Grad.

Für 2023 schätzt das RKI 3.100 hitzebedingte Sterbefälle (95-Prozent-Prädiktionsintervall 1.400 bis 4.900), für 2024 sind es 2.800 (1.000 bis 5.000). Besonders stark betroffen waren die Sommer 1994, 2003, 2006, 2015, 2018 und 2019. Für die Hitzewelle im Juli 2006 weist eine frühere RKI-Auswertung rund 6.200 hitzebedingte Todesfälle über den Sommer aus, für 2003 rund 7.600. Der Zusammenhang zeigt sich vor allem in den älteren Altersgruppen. Wer die zugrundeliegenden Lagen nachvollziehen will, findet das Kartenmaterial in den Bereichen Wettermodelle und Archiv.

Migräne und Gelenkschmerz: klein, aber nicht null

Zwischen diesen Polen liegt das Feld der Schmerzsyndrome. Bei den Wetterfühligen der Befragung von 2013 waren die häufigsten Symptome Kopfschmerzen und Migräne (59 Prozent), Müdigkeit (55 Prozent), Abgeschlagenheit (49 Prozent), Gelenkschmerzen (42 Prozent) und Schlafstörungen (40 Prozent); 29 Prozent waren im Jahr davor mindestens einmal nicht arbeitsfähig. Als relevante Lagen nannten 38 Prozent eine Abkühlung, 23 Prozent stürmisches Wetter. Aufschlussreich ist ein Nebenbefund: 76 Prozent der Wetterfühligen haben mindestens eine chronische Vorerkrankung, bei den Nicht-Wetterfühligen sind es 52 Prozent. Wetterfühligkeit ist damit weniger ein eigenständiges Phänomen als eine Begleiterscheinung bestehender Erkrankungen.

Die methodisch beste prospektive Untersuchung ist die britische Smartphone-Studie Cloudy with a Chance of Pain, 2019 in npj Digital Medicine publiziert, mit 2658 Teilnehmenden über 15 Monate. Relative Luftfeuchte, Luftdruck und Windgeschwindigkeit zeigten signifikante, aber kleine Zusammenhänge - pro 10 Prozentpunkte Luftfeuchte ein Odds Ratio von 1,14, pro 10 hPa Luftdruck ein invers gerichtetes Odds Ratio von 0,96. Die Temperatur zeigte gar keinen Effekt. Die ungünstigste Wetterkombination erhöhte die Chance auf ein Schmerzereignis um gut 20 Prozent gegenüber einem Durchschnittstag. Zum Vergleich: Schlechte Stimmung ging mit einem Odds Ratio von 4,08 einher, also einem rund viermal so starken Zusammenhang wie alle Wettergrößen zusammen. Die Autoren benennen die Grenzen selbst: gezielte Rekrutierung unter Menschen mit bestehender Wetter-Schmerz-Überzeugung, keine Verblindung, subjektive Schmerzangabe. Bei Migräne ist die Lage noch dünner - eine prospektive Tagebuchstudie an 98 Patientinnen und Patienten im Raum Boston fand für den Luftdruck durchweg keine Assoziation mit dem Attackenbeginn.

Sferics: populäre Hypothese, schwache Belege

Sferics, kurz für Atmospherics, sind physikalisch unstrittig: sehr kurze elektromagnetische Impulse im Bereich von etwa 3 bis 100 kHz, Wellenpakete von 35 bis 250 Mikrosekunden Dauer, ausgelöst durch Blitzentladungen. Sie breiten sich über große Distanzen aus und lassen sich messtechnisch gut erfassen.

Die biologische Hypothese entstand in Deutschland. Reinhold Reiter interpretierte um 1960 die Sferics-Aktivität zwischen 5 und 50 kHz als bioklimatischen Indikator, ausdrücklich ohne Kausalcharakter. Ab den 1970er und 1980er Jahren untersuchten Hans Baumer, Josef Eichmeier und Walter Sönning das Thema systematisch an der TU München, ausgehend von Störungen im Mehrfarbendruck, die mit Signalmustern bei 10 und 28 kHz zu korrelieren schienen. Populär wurde die Idee aus nachvollziehbaren Gründen: Sferics-Aktivität nimmt vor einem Frontdurchgang zu, eilt dem sichtbaren Wetter also voraus - was gut zu der verbreiteten Erfahrung passt, den Umschwung zu spüren, bevor er da ist.

Belegt ist die biologische Wirkung damit nicht. Es fehlt ein etablierter Rezeptor oder Wirkmechanismus, die publizierten Befunde widersprechen sich, die Studien sind überwiegend klein. Aussagekräftig ist ein Argument aus der Praxis: Der DWD nutzt Sferics in seinen Gefahrenindizes nicht. Die operationelle Vorhersage beruht ausschließlich auf der biosynoptischen Wetterklassifikation.

Was daraus folgt

Die Wetterlage ist ein Kontextfaktor, kein Diagnoseinstrument. Ein hoher Gefahrenindex besagt, dass ein Kollektiv von Betroffenen an diesem Tag statistisch häufiger Beschwerden meldet - er sagt nichts darüber, ob eine bestimmte Person betroffen sein wird, und er erklärt kein einzelnes Symptom. Der DWD weist selbst darauf hin, dass die individuelle Wetterreaktion vom Kollektiv erheblich abweichen kann.

Umgekehrt gilt: Wo objektive Endpunkte und definierte Schwellen existieren, ist die Meteorologie sehr wohl gesundheitlich aussagekräftig. Hitzewarnungen sind das beste Beispiel, der Pollenflug das zweite. Bei einer Pollenallergie ist der Auslöser zählbar, die Belastung wird gemessen, und die Wetterlage erklärt die Ausbreitung - dort lohnt der Blick auf die aktuelle Pollenflug-Vorhersage nach Ort und auf die typischen Symptome einer Pollenallergie, weil sich Ursache und Wirkung sauber zuordnen lassen. Beim Biowetter ist genau das nicht der Fall. Das ehrlich zu benennen, macht die Vorhersage nicht wertlos - es ordnet sie nur richtig ein.