Astronomie

Himmelsphänomene: Wenn das Wetterforum den Himmel erklärte

Feuerkugeln, vermeintliche UFOs und ein neuer Wettersatellit - zwischen 2005 und 2007 war das Wetterforum die Anlaufstelle für alles, was am Himmel leuchtete.

Zeitraum
2005-2007
Raum
Deutschland & Österreich
Rubrik
Wetterarchiv

Wer zwischen 2005 und 2007 etwas Seltsames am Himmel sah, hatte nicht viele Anlaufstellen. Soziale Netzwerke steckten in den Kinderschuhen, Meldeportale für Meteorbeobachtungen kannten nur Eingeweihte. Und so landeten viele dieser Beobachtungen im Wetterzentrale-Forum: ein grüner Feuerball über dem Rheinland, eine Leuchtkugel über Berlin, ein rätselhaft helles Objekt neben der Venus.

Das Forum war dafür erstaunlich gut geeignet: Wissen über Feuchteschichtung, Radiosondenaufstiege und Kondensstreifenphysik traf hier auf Hobby-Astronomen mit Meteorkunde im Kopf. Selbst der UFO-Aufklärer Werner Walter vom Mannheimer Netzwerk CENAP verlinkte Threads aus der Wetterzentrale als Quelle - oder bat die Community direkt um Mithilfe.

Der rote Faden: Fast immer gab es am Ende eine meteorologische oder astronomische Erklärung. Dieser Artikel rekonstruiert die Himmelsrätsel der Forumszeit - vom grünen Boliden bis zum Start des Wettersatelliten MetOp-A.

Der grüne Bolide am Abend der Titan-Landung

Der 14. Januar 2005 war ohnehin ein historischer Tag: Am Nachmittag landete die ESA-Sonde Huygens auf dem Saturnmond Titan. Am Abend desselben Freitags, gegen 18:07 bis 18:15 MEZ, zog dann ein grünlich leuchtender Feuerball über West- und Nordwestdeutschland hinweg.

Ein Kölner Beobachter schilderte im Wetterzentrale-Forum eine immer heller werdende, hellblau gefärbte Leuchtspur, die sich über drei bis vier Sekunden dem Nordhorizont näherte; ein Nutzer aus Münster bestätigte ein grelles grünliches Licht mit langem Nachglühen. Parallel liefen bei CENAP über ein Dutzend Telefonmeldungen ein, unter anderem aus Lampertheim, Mainz und Idar-Oberstein. Ein Beobachter aus Steinfurt beschrieb einen strahlend grünen Kopf mit gelblichem Schweif, der zwischen den Sternbildern Schwan und Leier hindurchzog und in vier bis fünf Teile zerfiel. Werner Walter wertete das Ereignis als klassischen Feuerball-Boliden - und verlinkte den Forumsthread als Belegquelle.

Das Wetterforum war damit schneller als Presse und offizielle Meldestellen. Nur eine Woche später bewährte sich diese Rolle erneut, als in der Nacht vom 21. auf den 22. Januar Polarlicht über Mitteleuropa stand.

Feuerkugel oder Kugelblitz über Berlin?

Ende Juli 2006 sorgte eine helle, kugelförmige Leuchterscheinung über Berlin für Diskussionen. Der Zeitpunkt passte: Im heißesten Juli der deutschen Messgeschichte - nachzulesen im Artikel zur Hitzewelle im Juli 2006 - verbrachten viele Menschen die Nächte im Freien, und CENAP sprach rückblickend vom “UFO-Sommer 2006” mit fast täglichen Meldungen, sehr oft ausgelöst durch aufsteigende Party-Miniheißluftballons.

Der Berliner Fall war kniffliger. Am 31. Juli 2006 eröffnete Werner Walter im Astronomie-Forum Astrotreff einen Thread mit dem Titel “Feuerkugel oder Kugelblitz über Berlin?” und verwies auf die laufende Diskussion im Wetterzentrale-Forum - verbunden mit der Bitte um weitere Zeugen. Bemerkenswert: Der Astrotreff-Thread blieb ohne einzige Antwort, die eigentliche Debatte fand im Wetterforum statt. Da der Originalthread nicht archiviert wurde, sind Datum und Details heute nicht mehr exakt rekonstruierbar; auch die Feuerkugel-Chronik von leoniden.net kennt kein Berliner Ereignis vom Juli 2006. Der Fall bleibt offen - ein Lehrstück, wie schmal der Grat zwischen Feuerkugel und Kugelblitz (nur bei Gewitterlage plausibel) sein kann.

Wetterballons statt UFOs: Die Fälle vom April 2007

Kurz vor dem Ende des Forumsarchivs im April 2007 wurde das Wetterforum noch einmal zur Aufklärungsinstanz. Die UFO-History-Serie des CENAP-Archivs dokumentiert mehrere Meldungen aus jenen Tagen - fast alle meteorologisch erklärbar:

DatumOrtBeobachtungErklärung
23.04.2007Ärmelkanal/GuernseyFlache “Scheiben”, gesichtet von Pilot Ray Bowyervermutlich Luftschiffe (Blimps)
26.04.2007Murrhardt (BW)Helles Objekt nahe der Venus, 21:10-21:25 UhrBundeswehr-Wetterballon aus Idar-Oberstein
27.04.2007Frankfurt/OderRundes Objekt mit zwei senkrechten Strichenin großer Höhe zerplatzender Wetterballon samt Sonde
28.04.2007Munster (Niedersachsen)Helles Objekt mit begleitenden PunktenWetterballon mit Messinstrumenten

Beim Murrhardter Fall diente ausdrücklich das Wetterzentrale-Forum als Quelle: Dort konnten Wetterprofis den Ballonaufstieg vom Radiosondenstandort Idar-Oberstein nachvollziehen. Radiosonden steigen zweimal täglich auf, dehnen sich bis zum Platzen in 30 bis 35 Kilometern Höhe aus - und leuchten in der Dämmerung hell, weil sie dort oben noch von der Sonne angestrahlt werden. Ein klassischer UFO-Auslöser.

Marsfort und Area-51-Jet: Die kuriosen Fälle

Nicht immer ging es um eigene Beobachtungen. Anfang Mai 2006 kursierte im Forum Bildmaterial zu einem angeblichen “Marsfort”: einer auffallend rechtwinkligen, auf etwa fünf mal fünf Kilometer geschätzten Struktur auf einer Mars-Orbiteraufnahme. CENAP griff das Thema am 2. Mai 2006 auf, das österreichische Forum wahrexakten.at verlinkte einen Tag später den Wetterzentrale-Thread als Bildquelle. Die Skeptiker behielten die Oberhand: Natur erzeugt durchaus gerade Kanten (Basaltsäulen, Kristallstrukturen), die Bildauflösung war grob, Pareidolie erledigte den Rest. Das “Fort” gehört zur Cydonia-Region des berühmten “Marsgesichts” von 1976; hochauflösende Nachaufnahmen von Mars Global Surveyor und Mars Express entzauberten diese Strukturen als gewöhnliche Erosionsreste.

Aus dem Frühjahr 2005 stammt ein Thread mit dem sinngemäßen Titel “Ein Jet der Area 51 in Deutschland?”. Sein genauer Inhalt ist nicht erhalten - vermutlich ging es um einen ungewöhnlich strukturierten Kondensstreifen, der mit dem legendären US-Geheimflugzeug “Aurora” in Verbindung gebracht wurde. Als vermeintlicher Beleg für dessen Existenz galten seit den 1990er Jahren perlschnurartige “Donuts-on-a-rope”-Kondensstreifen. Meteorologisch sind solche Muster unspektakulär: Die Wirbelschleppen rollen den Kondensstreifen auf, über die Crow-Instabilität zerfallen die Randwirbel in periodische Ringstrukturen. Kondensstreifen selbst entstehen nach dem Schmidt-Appleman-Kriterium erst in sehr kalter, ausreichend feuchter Höhenluft unterhalb von etwa -39 Grad Celsius - genau das Wissen, das im Wetterforum verfügbar war.

Kleine Himmelskunde: Feuerkugeln, Kugelblitze, Halos

Als Feuerkugel gilt ein Meteor, der heller leuchtet als die Venus (etwa -4 mag); extrem helle Exemplare mit Fragmentation oder Detonation heißen Boliden. Meteoroide treten mit 11 bis 72 Kilometern pro Sekunde in die Atmosphäre ein und leuchten meist in 80 bis 120 Kilometern Höhe auf. Die im Forum mehrfach beschriebene grüne Farbe ist typisch (Magnesium-Emission und angeregter Sauerstoff), ebenso Fragmentzerfall und völlige Geräuschlosigkeit. Feuerkugelträchtige Termine sind die Perseiden (12./13. August), die Geminiden (13./14. Dezember), die Tauriden im November und die Alpha-Capricorniden Ende Juli - letztere mit langsamen, hellen Feuerkugeln durchaus ein Kandidat für den Berliner Fall. Meldestelle war und ist der Arbeitskreis Meteore; das Europäische Feuerkugelnetz fotografierte mit seiner DLR-Kamerastation Liebenhof bei Berlin etwa den Boliden vom 1. Februar 2005.

Kugelblitze dagegen sind seltene, wissenschaftlich weiterhin umstrittene Leuchterscheinungen im Gewitterumfeld: langsam schwebend, Sekunden Lebensdauer, Zentimeter bis Dezimeter groß. 2006 erzeugten Forscher des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik und der Humboldt-Universität Berlin erstmals kugelblitzähnliche Plasmabälle im Labor. Halos schließlich - 22-Grad-Ring, Nebensonnen, Lichtsäulen - entstehen an Eiskristallen in Cirruswolken: bei CENAP klassische UFO-Auslöser, im Wetterforum beliebte Beobachtungsobjekte.

Ein neuer Wächter am Himmel: MetOp-A

Dass der Blick nach oben auch die Zukunft des Fachs betraf, zeigte der Herbst 2006. Am 19. Oktober um 16:28 UTC startete nach sechs Verschiebungen eine Sojus-2.1a vom Kosmodrom Baikonur - an Bord MetOp-A, Europas erster polarumlaufender operationeller Wettersatellit. Der von EUMETSAT in Darmstadt betriebene Satellit fliegt in rund 820 Kilometern Höhe und trägt 13 Instrumente, darunter das Infrarot-Interferometer IASI mit 8.461 Spektralkanälen. Für die numerische Wettervorhersage wurde die MetOp-Reihe zur wichtigsten Einzelquelle - ihre Daten halfen, den verlässlichen Vorhersagezeitraum von etwa drei auf fünf Tage zu strecken. Passend zum Thema: In der Dämmerung ist auch MetOp als langsam ziehender Lichtpunkt mit bloßem Auge sichtbar. MetOp-A blieb bis November 2021 im Dienst.

Die Diskussionen im Wetterzentrale-Forum

Das alte Forum ist heute abgeschaltet, seine Inhalte lassen sich nur noch aus externen Verweisen rekonstruieren - ein Bild ergibt sich trotzdem. Am Abend des 14. Januar 2005 schilderte damals ein Kölner Beobachter kurz nach 18:15 Uhr seine Sichtung des grünen Boliden, ein Nutzer aus Münster bestätigte sie wenig später. Ende Juli 2006 diskutierten Teilnehmer über die Berliner Leuchtkugel, während Werner Walter den Thread extern als Wetterexperten-Diskussion verlinkte und Zeugen suchte. Im Frühjahr 2006 wurde über die Marsfort-Bilder debattiert, im Frühjahr 2005 vermutlich über einen rätselhaften Kondensstreifen, und Ende April 2007 identifizierten Forumsteilnehmer das helle Objekt neben der Venus als Bundeswehr-Wetterballon - eine Erklärung, die CENAP mit Quellenangabe übernahm. Zum Start von MetOp-A teilten Nutzer vermutlich Startverfolgung und Vorfreude auf bessere Modelldaten. Mehr zur Rekonstruktion der alten Threads gibt es im Forum-Archiv.