Der Juli 2006 sprengte alle Maßstäbe. Mit einem Deutschland-Mittel von 22,0 Grad lag er 5,1 Kelvin über dem Referenzwert der Periode 1961-1990 - kein anderer Monat seit Beginn der Flächenmittel-Zeitreihe war jemals so warm. Der bisherige Rekordhalter Juli 1994 (21,3 Grad) wurde deutlich übertroffen, und selbst der vielzitierte August 2003 blieb im Bundesmittel mit 20,6 Grad weit zurück. Der Rekord steht bis heute.
Den Höhepunkt erreichte die Hitzewelle am 19. und 20. Juli. In Kalkar am Niederrhein stieg das Thermometer am 19. Juli auf 38,6 Grad, in Bernburg an der Saale wurden am 19./20. Juli 38,9 Grad registriert - der höchste offizielle Wert des Jahres 2006 in Deutschland. Zugleich war der Juli 2006 mit rund 336 Sonnenstunden im Bundesmittel auch der sonnigste Monat der Messgeschichte.
Und noch etwas machte diese Hitzewelle besonders: Im Wetterzentrale-Forum entstand an den Rekordtagen ein Live-Ticker aus Stationsmeldungen, die berühmten Hitlisten-Threads - so relevant, dass sogar Nachrichtenportale sie als Quelle zitierten.
Verlauf: Fünf Wochen Dauerhitze
Europaweit wird die Hitzewelle etwa auf den Zeitraum vom 26. Juni bis zum 30. Juli 2006 datiert. In Deutschland bildeten Juni und Juli eine zweimonatige, extrem sonnige und trockene Witterungsphase - unter anderem während der Fußball-WM im eigenen Land. Der Juli verlief praktisch durchgehend zu warm, die intensivste Phase dauerte etwa vom 12. bis zum 27. Juli mit dem Peak um den 19./20. Juli. In Bernburg gab es 14 heiße Tage mit mindestens 30 Grad in Folge - im Mittel der Jahre 1961-1990 traten dort nur rund sechs heiße Tage pro Jahr auf.
Das Ende kam abrupt: Am Abend des 27. Juli zog eine kräftige Gewitterfront über Norddeutschland sowie Teile von Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Bäume stürzten um, Straßen und Keller liefen voll, in Hamburg und Schleswig-Holstein wurden sechs Menschen verletzt. Danach folgte ein spektakulärer Witterungsumschwung: Der August 2006 fiel verbreitet zu kühl und extrem nass aus, vielerorts war er der sonnenscheinärmste Monat seit Jahrzehnten. Auf Helgoland fielen im Sommer 2006 knapp 290 Liter Regen pro Quadratmeter, davon 250 allein im August. Ende August lagen 65 Zentimeter Neuschnee auf der Zugspitze, und am 30. August blieben die Höchstwerte im Alpenvorland unter 15 Grad.
Die Rekordtage 19. und 20. Juli
Der 19. Juli 2006 gilt vielfach als heißester Tag des Jahres. Neben den 38,6 Grad in Kalkar meldeten die privaten Meteomedia-Stationen Marl und Emsdetten um 16 Uhr bereits 38,1 Grad. Aachen erlebte mit über 36 Grad den wärmsten Tag der ersten drei Juliwochen seit 1891, Karlsruhe übertraf seinen Tagesrekord aus dem Jahr 1881, Osnabrück und Lingen verzeichneten die höchsten Juliwerte seit über 50 Jahren.
Auch im europäischen Umfeld fielen die Rekorde reihenweise: Westdorpe in den Niederlanden meldete 37,1 Grad, Genk in Belgien 38,3 Grad, Wisley in England 36,5 Grad - ein neuer britischer Juli-Rekord. Am 20. Juli erreichte Slubice in Polen 36,5 Grad; der Juli 2006 wurde Polens wärmster Monat seit Messbeginn 1779, die Nacht zum 16. Juli mit 27,4 Grad Tiefstwert die wärmste der polnischen Messgeschichte. In Spanien, Portugal und Frankreich wurden mehrfach über 40 Grad registriert.
Zahlen und Fakten
| Messgröße | Wert |
|---|---|
| Deutschland-Mittel Juli 2006 | 22,0 Grad (+5,1 K vs. 1961-1990) |
| Höchstwert Kalkar, 19.07. | 38,6 Grad |
| Deutschland-Jahreshöchstwert 2006 (Bernburg, 19./20.07.) | 38,9 Grad |
| Sonnenscheindauer (Bundesmittel) | ca. 336 Stunden (Soll: 209) |
| Niederschlag (Bundesmittel) | ca. 45 l/qm (rund 60 % des Solls) |
| Heiße Tage in Karlsruhe (30 Grad und mehr) | 19, davon 7 Tage ab 35 Grad |
| Landesmittel Sachsen-Anhalt | 22,9 Grad (+5,4 K) |
Die Spannweite der Stationsmittel reichte von 19,9 Grad auf Helgoland bis 25,1 Grad in Karlsruhe. Dort lag das Mittel der Tageshöchstwerte bei 32,1 Grad - der alte Rekord aus dem Juli 1983 stand bei 30,5 Grad. Karlsruhe, Trier und Jena verzeichneten an allen 31 Tagen Sommertage ab 25 Grad. Selbst auf der Zugspitze erreichte das Mittel der Tageshöchstwerte 10,2 Grad, die Nullgradgrenze lag oft erst über 4000 Metern. An der Ostseeküste summierte sich die Sonnenscheindauer auf rund 400 Stunden.
Folgen: Von der Elbe bis zu den Kraftwerken
Die gesundheitlichen Folgen waren gravierend. Eine spätere Studie des Robert Koch-Instituts schätzt für den Sommer 2006 rund 6.200 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland - der zweithöchste Wert der Jahre 2001-2015 nach dem Katastrophensommer 2003 mit 7.600. Der Arbeiter-Samariter-Bund meldete im Juli 2006 zehn bis zwanzig Prozent mehr Rettungseinsätze. Europaweit werden über 3.400 Todesfälle genannt; in den Niederlanden wurde der berühmte Vierdaagse-Marsch von Nimwegen am 18. Juli nach zwei Hitzetoten erstmals abgebrochen.
Auch die Flüsse gerieten in eine Krise: Der Sauerstoffgehalt der Elbe bei Hamburg sank auf 2,4 Milligramm pro Liter, im Neckar bei Aldingen fiel er unter 4 Milligramm - dort wurde künstlich belüftet. Lokal kam es zu Fischsterben. Mehrere Kraftwerke, unter anderem am Rhein, mussten wegen zu warmen Kühlwassers ihre Leistung drosseln oder abschalten. In Nordrhein-Westfalen wurde die Ozon-Warnschwelle von 180 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten. Die Landwirtschaft verzeichnete Einbußen bei Weizen, Sommergetreide und Mais sowie hohe Bewässerungskosten, verbreitet herrschte hohe bis sehr hohe Waldbrandgefahr. In England schmolz stellenweise der Asphalt, London erlebte am 27. Juli Stromausfälle.
Meteorologische Einordnung
DWD-Präsident Wolfgang Kusch erklärte Ende Juli 2006, der Monat breche alle Rekorde seit 1901 - heißester und zugleich sonnigster Monat seit Aufzeichnungsbeginn. Die Einordnung gegenüber 2003 ist dabei präzise zu treffen: 2003 bleibt der extremste Gesamtsommer, 2006 lieferte den extremsten Einzelmonat. Während sich die Hitze 2003 auf Juni und die erste Augusthälfte konzentrierte, war der Juli 2006 vom ersten bis zum letzten Drittel durchgehend heiß - in Karlsruhe standen 19 heiße Tage gegen nur acht im Juli 2003. Räumlich lag der Schwerpunkt 2006 weiter nördlich und traf besonders die Niederlande, Belgien, Deutschland und Polen.
Dass die Opferzahlen europaweit deutlich unter denen von 2003 blieben, führen Fachleute auch auf die nach 2003 eingeführten Hitzewarnsysteme zurück - der DWD betreibt seines seit 2005. Wer die damaligen Wetterlagen nachvollziehen oder aktuelle Hitzelagen einordnen will, findet in unseren Bereichen Topkarten und Modelle das passende Kartenmaterial. Hitze ist zugleich der Wettereinfluss mit der klarsten Evidenz für gesundheitliche Folgen - warum das so ist und wie es sich vom übrigen Biowetter unterscheidet, behandelt der Beitrag Biowetter und Wetterfühligkeit. Wie stark sich Hitze bei gegebener Luftfeuchte anfühlt, lässt sich mit dem Rechner zur gefühlten Temperatur abschätzen.
Das Ereignis im Wetterzentrale-Forum
Am Nachmittag des 19. Juli 2006 erschien im Hauptforum der Wetterzentrale der Thread mit dem Titel Beobachtung: Hitliste 16:00 Uhr: 38,1! - die 38,1 Grad bezogen sich auf die 16-Uhr-Werte der Meteomedia-Stationen Marl und Emsdetten. Das Forum ist heute abgeschaltet und der Thread selbst nicht erhalten, doch die Überlieferung ist bemerkenswert: Ein Wikinews-Artikel vom 20. Juli 2006 zitierte den Thread als Quelle für Live-Temperaturmeldungen, gleichrangig neben DWD und wetter.com. Damals trugen Nutzer an Hitzetagen stündlich Stationswerte aus den Netzen von DWD und Meteomedia zu Ranglisten zusammen, ergänzt um Messungen der eigenen Gartenstationen - ein Crowdsourcing-Liveticker lange vor Social Media. Dass die Hitliste ein wiederkehrendes Format war, belegen weitere überlieferte Threadtitel aus dem Jahr 2006 wie Meteomedia-Hitliste oder Hitliste Deutschland (30 Grad C und mehr). Mehr zur Geschichte des Forums gibt es in unserem Forum-Archiv.
Quellen und weiterführende Links
- DWD Open Data: Gebietsmittel der Lufttemperatur für Juli (Deutschland)
- Wikinews: Hitze bringt Rekorde - und Probleme (20.07.2006)
- WetterOnline: Wärmster Monat seit Messbeginn - Rekordhitze im Juli 2006
- Tagesspiegel: Juli bricht alle Rekorde
- RKI-Studie: Schätzung hitzebedingter Todesfälle in Deutschland (PDF)
- Wikipedia (englisch): 2006 European heat wave
- Ministerium für Wissenschaft und Umwelt Sachsen-Anhalt: Kältester und heißester Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnung
- WetterOnline: Rückblick Sommer 2006