Lange galten Tornados hierzulande als exotisches Phänomen aus dem amerikanischen Mittelwesten. Wer in Deutschland einen Wirbel sah, sprach von einer Windhose - als wäre das etwas grundsätzlich anderes. Dabei meinen beide Begriffe dasselbe: eine rotierende Luftsäule mit Bodenkontakt unter einer konvektiven Wolke, so die Definition des Deutschen Wetterdienstes.
Zwischen 2003 und 2006 änderte sich der Blick auf das Thema spürbar. Die Tornadoliste Deutschland erfasste Fälle systematisch, Sturmjäger dokumentierten Schäden vor Ort, und in Fachforen wie dem Wetterzentrale-Forum diskutierten Laien und Profis gemeinsam über Schadensbilder. Das Jahr 2006 wurde dabei zum Ausnahmejahr: 121 bestätigte Tornados verzeichnete die Tornadoliste - fast doppelt so viele wie in den Jahren zuvor.
Dieser Artikel blickt auf die Tornadojahre 2003 bis 2006: auf das Sturmereignis von Hambrücken im Juli 2006, auf den F3-Fall von Quirla, den ausgerechnet ein Forumsbeitrag in der Wikipedia belegte, und auf Trichterwolken, die es nie in eine offizielle Statistik schafften.
Ein Rekordjahr in Zahlen
Als Faustzahl gelten für Deutschland 30 bis 60 bestätigte Tornados pro Jahr - plus eine erhebliche Dunkelziffer, denn viele Wirbel treten nachts oder in dünn besiedelten Regionen auf und bleiben unbeobachtet. Die Jahre 2003 bis 2006 zeigen, wie stark die Erfassung damals bereits war:
| Jahr | Bestätigte Tornados | Plausible Fälle | Verdachtsfälle |
|---|---|---|---|
| 2003 | 67 | - | 86 |
| 2004 | 64 | 2 | 85 |
| 2005 | 61 | 1 | 92 |
| 2006 | 121 | 1 | 181 |
2006 sticht deutlich heraus. Zu den markantesten Fällen zählten der Tornado von Hamburg am 27. März mit zwei Todesopfern, die Tornadoserie am 19. und 20. Mai, der tödliche Tornado von Remagen am 21. August und der nächtliche F3-Tornado von Quirla in Thüringen am 2. Oktober. Auch der Fall von Nürnberg im Jahr 2006 gehört in diese Reihe.
Wichtig zur Einordnung: Die steigenden Zahlen spiegeln vor allem bessere Erfassung und wachsende Aufmerksamkeit wider, nicht zwingend mehr Tornados.
Hambrücken, 22. Juli 2006: Wenn der Verdacht sich nicht bestätigt
Wie schwierig die Einstufung im Einzelfall ist, zeigt das Sturmereignis von Hambrücken im Landkreis Karlsruhe. Am Samstag, dem 22. Juli 2006, fegte gegen 15 Uhr ein heftiger Sturmstoß mit Starkregen und kleinkörnigem Hagel über den Ort bei Bruchsal. Viele Häuser und Waldflächen trugen Schäden davon, Schwerpunkt war das Gelände rund um die Vogelpark-Gaststätte. Ein Mann stürzte bei den Aufräumarbeiten vom Dach und verletzte sich schwer. RTL berichtete vor Ort.
Der Wetterbeobachter Steve, der rund 20 Kilometer nördlich von Karlsruhe wohnte, dokumentierte die Schäden bereits am Folgetag: eine Schadensfläche von etwa zwei Kilometern Länge und bis zu 500 Metern Breite, aufgeteilt in vier Teilbereiche, mit nach Osten abnehmender Intensität. Kein befragter Augenzeuge hatte einen Trichter mit Bodenkontakt gesehen.
Genau diese Breite der Schadensfläche wurde zum entscheidenden Indiz. Das Endergebnis der Tornadoliste Deutschland: kein Tornado. Das komplexe Schadensbild passte deutlich besser zu einem Downburst, einer Fallböe aus einer Gewitterwolke. Eine F-Stärke wurde folgerichtig nicht vergeben. Der Fall Hambrücken ist damit ein Lehrstück: Der Mannheimer Wetterblog hatte zeitnah noch einen wahrscheinlichen Tornado vermutet - erst die Vor-Ort-Analyse brachte die Korrektur.
Quirla: Wenn das Forum die Wikipedia belegt
Anders lag der Fall in Quirla, einem Dorf im Saale-Holzland-Kreis rund 14 Kilometer südöstlich von Jena. In der Nacht zum 2. Oktober 2006, gegen 1:45 Uhr, riss dort ein Tornado Dächer von mehreren Häusern, ließ einzelne schwächere Mauern einstürzen und zerstörte Waldflächen innerhalb seiner Zugbahn vollständig. Mehr als 20 Häuser wurden erheblich beschädigt, die Stromversorgung fiel aus, drei Menschen wurden verletzt.
Weil das Ereignis nachts stattfand und das Schadensbild sehr komplex war, dauerte die Aufklärung Monate und gelang erst per Luftbildanalyse. Die Einstufung am Ende: untere F3 (T6) nach den Baumschäden, die Gebäudeschäden bewegten sich auf oberem F2-Niveau.
Bemerkenswert ist die Quellenlage: Der englischsprachige Wikipedia-Artikel Tornadoes of 2006 belegte den Quirla-Abschnitt unter anderem mit einem Thread aus dem Wetterzentrale-Forum, der argumentierte, warum ein Tornado zumindest Hauptverursacher der Schäden war. Ein deutsches Hobbyforum als Fußnote der Weltenzyklopädie - deutlicher lässt sich kaum zeigen, welches fachliche Gewicht die dortigen Schadensanalysen hatten. Mehr zum Fall im Artikel zum Tornado von Quirla.
Trichterwolken über Schweinfurt und Berlin
Nicht jeder Rüssel am Himmel ist ein Tornado. Erst wenn der Wirbel Bodenkontakt bekommt, zählt er als solcher - davor spricht man von einer Trichterwolke oder Funnel Cloud. In den Foren der Zeit tauchten regelmäßig Fotos solcher Formationen auf, oft verbunden mit der Frage: War das einer?
Zwei Beispiele aus dem Umfeld des Wetterzentrale-Forums: Aus Schweinfurt stellte ein Beobachter vermutlich um das Jahr 2005 eine Fotoserie einer rüsselartigen Wolke zur fachlichen Begutachtung ein - der genaue Inhalt des Threads ist nicht mehr erhalten, ein bestätigter Tornado für Schweinfurt findet sich in der Tornadoliste für diesen Zeitraum jedenfalls nicht. Und über Berlin sorgte am 21./22. Juli 2004 eine rotierend wirkende Wolkenformation für Aufsehen; in anderen Foren hieß es damals, es sei fast zu einem Tornado gekommen. Auch hier: kein bestätigter Fall. Das Ereignis fiel allerdings mitten in eine schwere Unwetterserie - am 18. Juli 2004 hatte ein F2-Tornado bei Tönisvorst nahe Krefeld Häuser zerstört und Millionenschäden verursacht, am 20. Juli zogen Gewitter mit Orkanböen bis 126 km/h über Ost- und Süddeutschland, am 21. Juli gab es einen Tornadoverdacht bei Northeim.
Meteorologische Einordnung: F-Skala und T-Skala
Eingestuft werden Tornados über das Schadensbild, nicht über direkte Windmessungen. Grundlage ist die Fujita-Skala von 1971 mit den Stufen F0 (ab etwa 64 km/h) bis F5 (über 419 km/h); ab F2 gilt ein Tornado als stark, F5-Fälle machen nur rund ein Prozent aus. Die USA lösten die Skala 2007 durch die EF-Skala ab, Europa blieb beim Original, weil die EF-Skala stark auf amerikanische Bauweisen zugeschnitten ist. Daneben existiert die doppelt so fein gestufte britische TORRO-Skala: Zwei T-Stufen entsprechen etwa einer F-Stufe, die untere F3 von Quirla entspricht T6. In Deutschland wurde die T-Skala insbesondere für Waldschäden verfeinert. Als Tornadoindizien gelten dabei konvergente Fallrichtungen der Bäume und eine schmale, scharf begrenzte Schneise mit einem Länge-Breite-Verhältnis von mehr als 10:1 - genau die Kriterien, an denen sich auch die Fälle Hambrücken und Quirla entschieden.
Das Ereignis im Wetterzentrale-Forum
Das alte Forum ist heute abgeschaltet, seine Inhalte lassen sich nur noch teilweise rekonstruieren. Erhalten ist aber der Hambrücken-Thread vom 23. Juli 2006: Damals stellte der Beobachter Steve eine strukturierte Schadensanalyse mit eingefärbter Schadenskarte ein und legte für jeden der vier Schadensbereiche einen eigenen Unterthread an. Die Antworten zeigen das Forum in Bestform: Der DWD-Tornadobeauftragte Andreas Friedrich sah keine konkreten Tornado-Hinweise, der Heidelberger Physiker Bernold Feuerstein hielt das Schadensbild dagegen für tornadoverdächtig, andere Nutzer tippten wegen der Breite der Fläche früh auf einen Downburst - was sich am Ende bestätigte. Im Fachboard für vertiefte Analysen wurde später auch der Quirla-Fall seziert, unter anderem in dem Thread, den die Wikipedia zitierte. Mehr zu den erhaltenen Diskussionen im Forum-Archiv.
Quellen und weiterführende Links
- Tornadoliste Deutschland: Jahresübersicht 2006
- Tornadoliste Deutschland: Jahresübersicht 2004
- Tornadoliste Deutschland: Eintrag zum Ereignis Hambrücken
- Tornadoliste Deutschland: Eintrag zum Tornado von Quirla
- Tornadoliste Deutschland: FAQ zur Tornadohäufigkeit in Deutschland
- DWD-Wetterlexikon: Definition Tornado
- Kachelmannwetter: Was ist ein Tornado, was eine Trichterwolke?
- Mannheimer Wetterblog: Archiv Juli 2006