Gewitter

Gewitter 2003-2006: Blitznächte, Böenwalzen und Fotoberichte aus dem alten Forum

Von Matthias Habels legendärer Blitznacht im Juli 2005 bis zur schwarzen Wolkenwand über der Kieler Bucht: die Gewitterberichte des alten Forums.

Zeitraum
2003-2006
Raum
Deutschland
Rubrik
Wetterarchiv

Lange bevor Wetter-Apps und soziale Netzwerke Blitzkarten und Nutzerfotos in Echtzeit lieferten, gab es einen Ort, an dem Gewitter in Deutschland dokumentiert wurden: das Wetterzentrale-Forum. Wer nachts mit Stativ am Feldrand stand oder tagsüber eine schwarze Wolkenwand über die Ostsee ziehen sah, postete Bericht und Bilder dort - oft noch in derselben Nacht.

Dieser Sammelartikel blickt auf drei Geschichten aus den Jahren 2003 bis 2006: die “geniale” Böenwand an der Kieler Bucht 2003, die Blitznacht vom 27./28. Juli 2005 im Rheinland, deren Fotos bis nach Finnland wanderten, und die BEOBACHTUNG-Meldekultur - Echtzeitprotokolle Jahre vor jeder Crowd-Melde-App.

Das Forum ist längst abgeschaltet; nur einer der hier behandelten Threads ist vollständig im Internet-Archiv erhalten, die übrigen lassen sich allein über Fremdquellen rekonstruieren.

Die Blitznacht vom 27./28. Juli 2005: Habels Fotobericht

Am 28. Juli 2005 um 5:37 Uhr morgens postete Matthias Habel aus Bonn im Bildbeiträge-Board des Forums einen langen Erlebnisbericht - die Gewitternacht zuvor ordnete er als das spektakulärste Blitzfeuerwerk ein, das er je erlebt hatte. Gegen 22 Uhr hatte es in Bonn erstmals gedonnert, dann fuhr er mit seiner Begleiterin auf die ersten Westerwald-Ausläufer zu einem Feldweg zwischen Hennef und Uckerath. Dort blitzte es in allen Himmelsrichtungen, die Frequenz schätzte er auf 60 bis 80 Blitze pro Minute. Seine Technik: Stativ, 10-Sekunden-Langzeitbelichtungen in Serie - zwischendurch ein Radarcheck per WAP-Handy, echtes Zeitkolorit von 2005.

Der zweite Standort lag auf einem Feld bei Ittenbach östlich des Großen Ölbergs im Siebengebirge, bei rund 23 Grad und nahezu gesättigter Luft. Dort näherte sich eine mehrstöckig geschichtete Gewitterzelle, die Habel als “Hochzeitstorte” beschrieb. Die Böenfront hüllte den Sendemast auf dem Ölberg binnen Sekunden in Nebel, der walzenartig den Hang herabkroch. Nach kurzem Starkregen fotografierte er die abziehende, von innen rot-orange-gelb aufglühende Zelle vor sternklarem Himmel samt aufgehendem Mond. Gegen 4 Uhr kehrte er heim - mit 250 brauchbaren Blitzaufnahmen aus rund vier Stunden.

Dann geschah etwas für ein Fachforum Ungewöhnliches: Der Thread ging viral. Robert Basic verlinkte ihn am 29. Juli 2005 auf basicthinking.de, damals einem der meistgelesenen deutschen Blogs. Am 1. August empfahl ihn die Mailingliste der finnischen Sturmbeobachter, und noch im Juni 2007 verwies ein Gleitschirm-Blog auf Habels Bilder. Habel, Diplom-Geograph, wurde später Pressesprecher bei WetterOnline. Sein Thread ist als Wayback-Snapshot vom November 2005 vollständig erhalten.

Der Unwetter-Outbreak vom 27. bis 30. Juli 2005

Habels Blitznacht war Teil der bis dahin heftigsten Gewitterperiode des Sommers 2005 in Europa. Auf der Vorderseite eines Langwellentroges strömte sehr warme, feuchte Luft heran - Radiosondenaufstiege maßen CAPE-Werte um 2000 J/kg bei Taupunkten um +20 Grad. Die Chronologie:

DatumEreignis
27.07.Schwere Gewitter in Westeuropa; Schäden unter anderem in Frankfurt-Kalbach
28.07.Birmingham-Tornado (TORRO T5-6, 39 Verletzte); nachts Blitzfeuerwerk im Rheinland; abends Superzelle mit Microbursts über Osterholz-Scharmbeck bei Bremen (geschätzt über 150 km/h)
29.07.Gewitterlinie über Baden-Württemberg: Stuttgart mit Böenwalze, Hagel und Temperatursturz von 26 auf 19 Grad in 20 Minuten, Orkanböe 126 km/h in Niederstetten; abends mehrere Tornados im Erzgebirge und Vogtland (F2 in Sehma mit 6 km Schadensschneise, F2 bei Klingenthal), Hagel 6-12 cm
30.07.Bilanz der Agenturen: 2 Tote in Deutschland, je 1 in Polen und Tschechien, Hochwasser in Belgien

In der Nacht zum 29. Juli registrierte eine EuroSprite-Kamera in den Pyrenäen zudem mindestens zehn Sprites (Hochatmosphären-Blitze) über den Gewittern. Mehr zu den Tornados dieser Jahre im Artikel Tornados in Deutschland 2003-2006.

Internationales Echo bis nach Finnland

Wie weit das Forum ausstrahlte, belegt eine Nachricht vom 1. August 2005: Auf der finnischen Sturmbeobachter-Liste der Astronomie-Vereinigung Ursa stellte Tom Eklund eine kommentierte Linkliste mit sechs Threads aus dem deutschen Forum zusammen - darunter ein Downburst-Video aus Wien, Schadensfotos aus Frankfurt-Kalbach, Hagel- und Wolkenfotos aus Stuttgart, Habels Blitzbilder sowie Wolkenstrukturen aus dem Westerzgebirge, in denen Eklund Formen erkannte, wie man sie von amerikanischen LP-Superzellen kennt. Die Liste beweist die Reichweite bis nach Skandinavien - und beschreibt fünf Threads, die sonst komplett verloren wären.

Juni 2003: “Geniales Gewitter” an der Kieler Bucht

Schon 2003 war das Forum als Fotoquelle weit über die Wetter-Community hinaus bekannt. Am Pfingstsonntag, dem 8. Juni 2003, erlebten Kitesurfer am Spot “Brasilien” bei Kiel (Schönberger Strand) einen starken Ostwind-Tag - unterbrochen von zwei Gewittern: einem schnellen Durchzug gegen 15:30 Uhr und einem deutlich eindrucksvolleren gegen 18 Uhr, als am Südhorizont eine schwarze Wolkenwand aufstieg. Ein Nutzer des Kitesurf-Forums oaseforum.de, selbst ohne Kamera, verlinkte für die Bilder kurzerhand in den passenden Bilderthread des Wetterzentrale-Forums. Die dort gezeigte Wolkenformation - vom Erscheinungsbild her typischerweise eine Böenwalze (Shelf Cloud) - war etwa fünf Kilometer landeinwärts fotografiert worden.

BEOBACHTUNG: Die Meldekultur des Forums

Das Rückgrat des Forums waren standardisierte Echtzeitmeldungen mit dem Betreff-Präfix “BEOBACHTUNG:”, Nutzernamen mit Orts- und Höhenangabe und schnellen Antwortketten. Ein erhaltenes Beispiel: Am 1. Juni 2006 um 19 Uhr meldete Stefan Neaga aus Ismaning bei München live einen Gewitterdurchzug - erst ein Graupel-Hagel-Schauer, dann fast im Minutentakt Blitze samt Fast-Nah-Einschlag, dazu ein Temperatursturz von 8,2 auf 6,2 Grad, passend zur markanten Kaltluftlage jener Tage. 132 Leser zählte der Beitrag.

Wie ausgereift diese Kultur war, zeigt die Schadensdokumentation nach dem Microburst von Osterholz-Scharmbeck: Keine 36 Stunden nach dem Ereignis dokumentierte ein Nutzer die Schäden mit über 200 Fotos - einheitlich gerichtete umgelegte Bäume als Beleg der Fallböen inklusive. Unter den Antwortenden waren mit Sven Lüke und Martin Hubrig zwei Gründungsmitglieder von Skywarn Deutschland, im Oktober 2003 in Osnabrück nach US-Vorbild gegründet, um Spotter-Meldungen für bessere Unwetterwarnungen zu sammeln.

Wie Gewitter entstehen - und wie man Blitze fotografiert

Gewitter brauchen drei Zutaten: feuchte Luft in den unteren Schichten, eine labile Schichtung (messbar als CAPE) und einen Auslöser - Tageserwärmung, Fronten, Gebirge oder dynamische Hebung auf Trogvorderseiten. Eine gewöhnliche Zelle durchläuft ihr Leben in 30 bis 60 Minuten. Superzellen dagegen besitzen einen rotierenden Aufwind (Mesozyklone), entstehen bei starker vertikaler Windscherung, können Stunden bestehen und Großhagel oder Tornados produzieren. Niederschlagsarme LP-Superzellen zeigen die berühmte tellerförmig geschichtete Optik - Habels “Hochzeitstorte” und die Westerzgebirge-Fotos passen zu genau diesem Bildtyp.

Blitzfotografie hieß um 2005 vor allem nächtliche Langzeitbelichtung: Kamera aufs Stativ, 5 bis 30 Sekunden belichten, niedrige Empfindlichkeit, mittlere Blende - der Blitz belichtet sich selbst. Bei 60 bis 80 Blitzen pro Minute wird fast jedes Bild ein Treffer.

Die Böenfront, die einer Gewitterzelle vorauseilt, hat noch eine ganz andere Wirkung: Sie kann Pollen aufnehmen, zerreißen und in Bodennähe konzentrieren. Dieses als Gewitterasthma bekannte Phänomen hat in Melbourne 2016 Tausende Menschen in die Notaufnahmen gebracht - wir haben es im Bereich Gesundheitswetter ausführlich aufgearbeitet: Gewitterasthma. Wie weit ein Gewitter aktuell entfernt ist, lässt sich mit unserem Gewitter-Entfernungsrechner aus der Zeit zwischen Blitz und Donner bestimmen.

Das Ereignis im Wetterzentrale-Forum

Von den vier Gewitter-Threads dieser Seite ist nur Habels Bildbericht (wzconfig6.pl, read=6146) im Wayback-Archiv vollständig erhalten - mit Fotos, Bildunterschriften zu jedem Standort und neun Antworten bis in den Oktober 2005; am Ende betonte der Autor damals, dass seine Faszination der Naturgewalt gelte und er Schäden bedauere. Die übrigen Threads sind nicht archiviert: Der Bilderthread zu den Gewittern vom 27./28. Juli 2005 (read=726305) ist nur über die Beschreibung der finnischen Mailingliste rekonstruierbar, der Kieler Thread vom Juni 2003 (read=354207) allein über den Verweis im Kitesurf-Forum. Nutzer teilten damals offenbar genau das, was diese Fremdquellen andeuten: Fotos, Videos und Augenzeugenberichte, oft nur Stunden nach dem Ereignis. Mehr zur rekonstruierten Struktur des alten Forums im Forum-Archiv.